Vulgäre Vokabeln

Friedel Thierry aus Detzem schreibt: Eine Tageszeitung hat Vorbildcharakter für die Leserschaft allgemein und ganz besonders für Kinder. Wenn es in der Ausgabe vom 30. Mai auf Seite 31 unter „Nachrichten für Kinder“ heißt „Wie gehen Astronauten aufs Klo?“ (statt: auf die Toilette), ist das schon bedauerlich. Übertroffen wird dieser Missgriff jedoch noch durch den Ausdruck „H…“ anstelle „Gesäß“ (im Artikel: „muss er seinen H… festsaugen“). Im familiären Milieu durchaus akzeptabel, ist diese Ausdrucksweise gedruckt ein Ärgernis. Welch ein Armutszeugnis für die Redaktion – und wie traurig!

Lieber Herr Thierry,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Die Umgangssprache sollte in seriösen Medien wie dem TV tabu sein, völlig richtig. Das ist die Theorie. Die tägliche Praxis lehrt: Die Hüter der Hochkultur haben einen schweren Stand. Sprachen verändern sich, sie „leben“, saugen neue Begriffe aus Szene-Jargons, Fach- oder Fremdsprachen förmlich auf. Dank oder wegen SMS, Chats und E-Mails wird heute mehr geschrieben als jemals zuvor – aber auch äußerst „kreativ“, also: frei von den Regeln der Rechtschreibung und Grammatik. Vom Wortschatz ganz zu schweigen. Die Jugendsprache? Entsetzliches Gammel-Deutsch, sagen Puristen. Und doch von größtem Einfluss. Müssten Schüler heute ein Diktat aus den 60er Jahren schreiben, dann würden rund drei Viertel als Legastheniker gelten – so das Ergebnis einer Langzeit-Studie des Max-Planck-Instituts, nachzulesen in dem Buch „Deutsch für Inländer“. Kürzer, lauter, extremer, das sei der Sprach-Trend, meint Zukunftsforscher Peter Wippermann. In Sätzen von Goethe lag die Zahl der Wörter bei 30 bis 36. Heutige Zeitungstexte sind wie Kurznachrichten auf zehn bis 15 Wörter pro Satz reduziert. Wippermann: Wir sind nur noch begrenzt aufnahme- und merkfähig.

Wer schreibt, buhlt um die Aufmerksamkeit des Publikums – oft in einer schrillen Sprache, mit kalkuliertem Tabubruch. Beispiel: die aktuelle Nummer eins der Bücher-Bestenliste, „Feuchtgebiete“, ein prolliger Roman von Charlotte Roche.

Derlei ist nicht neu: Vor 500 Jahren landete ein Autor einen Bestseller, weil er „dem Volk aufs Maul schaute“ und eine derbe Ausdrucksweise bevorzugte: Martin Luther. Gebildete Kreise schrien auf: Skandal! Luthers Bibel-Übersetzung prägte die deutsche Sprache für Jahrhunderte. Gerne bediente sich der Reformer vulgärer Vokabeln, etwa – pardon – in dem Spruch: „Aus einem verzagten A… kommt kein fröhlicher Furz.“ Der Sprachgigant Goethe liebte es ebenfalls deftig, sein „Götz“ ist legendär. Wer weiß, vielleicht wird die Gossensprache von Charlotte Roche in hundert Jahren als „gutes altes Deutsch“ gefeiert – wenn weite Teile der Bevölkerung nur noch Englisch sprechen. Oder Chinesisch.

Viele Grüße!

Peter Reinhart

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