Fast zu schön, um wahr zu sein

Verstehen Sie Klingonisch? Sie wissen schon, die Sprache der Bewohner des Planeten Qo’noS, draußen in den unendlichen Weiten des Star-Trek-Universums. Ungefähr so: RkReÜAÜG. GrundVZÜV. BDGBIBBBMinBFAnO.

Es braucht Hochbegabte wie den Halb-Vulkanier Mr. Spock (der mit den spitzen Ohren und dem grünen Blut), um Klingonen-Sprech in menschliche Laute zu übersetzen.

RkReÜAÜG = Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz.

GrundVZÜV = Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung.

BDGBIBBBMinBFAnO = Anordnung zur Durchführung des Bundesdisziplinargesetzes bei dem bundesunmittelbaren Bundesinstitut für Berufsbildung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Hoppla, das ist ja gar nicht Klingonisch! Das sind ja Abkürzungen von Wortungetümen, erdacht und geradebrecht in Amtsstuben, Behörden, Ministerien. Sankt Bürokratius!

Den Deutschen eilt seit je der Ruf voraus, alles regeln zu wollen, selbst das Unregelbare. Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Zu jedem Thema gibt es Vorschriften, Bestimmungen, Gesetze, Paragrafen – oft legendär verquast: „Das Huhn ist aus ethologischer Sicht ein sozial und territorial lebender Scharr- und Flattervogel mit klar strukturierter Rangordnung, dessen wichtigstes Fortbewegungsmittel die Beine sind“ (aus einem Beschluss des Bundesrats).

Mählich, mählich ändern sich die Dinge. Auffällig etwa der Trend zur Wohlfühl-Wortwahl: das Starke-Familien-Gesetz, das Gute-Kita-Gesetz, die Respekt-Rente. Kuscheliges Vokabular, fast zu schön, um wahr zu sein.

Sprachpsychologie! Die Taktik, die dahintersteckt, heißt: Framing (englisch für: Rahmung). Jedes Wort, das wir lesen oder hören, weckt Assoziationen, Vorstellungen, Gefühle.

Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz: Was kommt Ihnen in den Sinn? Nix verstehn, irgendwie negativ, oder? Und Gute-Kita-Gesetz? Glückliche Kinder, zweifellos positiv. Der Rahmen, in dem sich Ihre Gedanken bewegen, ist gesetzt. Mission erfüllt.

Wenn Politiker oder ihre Berater solche Begriffe aushecken, geht es darum, uns zu beeinflussen: wie wir über die Welt denken (sollen), wie wir uns verhalten (sollen).

Manipulation mit Sprache, ha! Klingonen würden so etwas nie tun.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Keine Witze über Witze, bloß nicht!

Also, wenn Sie mich fragen – höchste Zeit, dass jemand diesen Wahnsinn stoppt. Im Karneval Witze zu reißen über Frauen mit Doppelnamen wie Annegret Kramp-Karrenbauer. Mannomann, Bernd Stelter, geht gar nicht! Zum Glück haben die Aufpasser der ARD diese schlimme Entgleisung aus der Kölner Kappensitzung rausgeschnitten. Noch doller: Kramp-Karrenbauer selbst. Steigt in Stockach beim Narrengericht in die Bütt und feixt über das dritte Geschlecht. Hör uff! Gut, dass die notorisch Empörten und Aufgeregten in den sozialen Netzwerken diesen abgrundtiefen Skandal aufgedeckt haben.

Liebe Leute, noch nie von politisch korrekter Sprache gehört?! Man macht sich in Deutschland nicht lustig über … alles und jeden.

Frauen. Diverse. Alte. Dicke. Juden. Eski…, nein, die heißen: Inuit. India…, ich meine: Native Americans, eingeborene Amerikaner. Eine Hamburger Kita will nicht, dass sich Kinder als India… kostümieren – damit sich niemand erniedrigt, entwürdigt, gedemütigt fühlt. Jungs verkleiden sich stattdessen als Meerjung-Männer. Grundgütiger Manitu!

Kein Rassismus! Kein Sexismus! Kein Imperialismus! Niemals!

Jedoch: Das Anti-Diskriminierungs-Mantra ist zu einer Haltung, zu einem Lebensstil mit Tendenz zur maßlosen Übertreibung geworden.  Wenn das nicht endet, ist bald alles verboten und jeder ein Opfer.

Mohr und Neger: rassistische Schimpfwörter, tabu, unstreitig. Politisch korrekt: Afrikaner, Afroamerikaner, Afrodeutsche, Schwarze, dunkelhäutige Menschen subsaharischer Abstammung. Pippi Langstrumpfs Papa hat als Negerkönig abgedankt (jetzt: Südseekönig), er versteht die Negersprache nicht mehr (jetzt: Taka-Tuka-Sprache).

Zigeuner und Fahrendes Volk: rassistische Schimpfwörter, tabu, unstreitig. Politisch korrekt: Sinti und Roma. Mobile ethnische Minderheit. Oder, ähh, Rotationseuropäer.

Ausländer? Uiuiui! Neudeutsch: Menschen mit Migrationshintergrund. Lehrlinge haben sich in Auszubildende verwandelt. Der Toilettenmann putzt im Range eines Facility Managers. Und Krankenschwestern sind Pflegekräfte – erstens, weil der Ruf nach der Schwester angeblich etwas Herablassendes hat, zweitens, um ausnahmsweise die Männer vor Diskriminierung zu schützen: Krankenbrüder? Puh!

Upps, ich habe vergessen, dass man über Witze nicht witzelt. Das mag die Gesinnungspolizei, Sonderkommissariat Sprachterror, gar nicht, weil: politisch nicht korrekt …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Nein, das lässt sich nicht singen …

Genialer Bursche, dieser Platon. Sein Lieblingsthema vor zweieinhalb Jahrtausenden: Was ist Fakt, was ist Meinung? Alle Achtung, alter Grieche! Nebenbei dröselte der Denker auf, woher wir kommen und was wir sind: männliche Kugelmenschen (von der Sonne), weibliche Kugelmenschen (von der Erde), androgyne Kugelmenschen (halb männlich, halb weiblich, vom Mond). Herrlich poetisch, dieser Mythos von den drei Geschlechtern – im Gegensatz zum Gewese um Gender-Sprech im Hier und Jetzt! Nach Lage der Dinge sind in Deutschland per Gesetz vorgesehen: männlich (m), weiblich (w), divers (d). Was im Alltag allerlei verbale Verkrampfungen provoziert.

Eberhard Hoos aus Trier meint dazu: Weil ich gerade etwas über „Bürger*innen“ lese: Wie wäre es mit „Bürgende“? Würde auch (d) miteinbeziehen!

Lieber Herr Hoos,

hübscher Wortwitz. Sie machen spielerisch auf ein Problem aufmerksam: Wenn wir jedes Wort darauf abklopfen, ob es politisch korrekt ist, wird Kommunikation schwierig. Kleiner Test:

Die Europahymne (Ode an die Freude): Alle Menschen werden Brüder. Falsch, Friedrich Schiller! Politisch korrekt: Alle Menschen werden Brüder, Schwestern, Diverse.

Die Nationalhymne: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Falsch, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben! Politisch korrekt: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, Mutterland, Diversland.

Nein, das lässt sich nicht singen, und überhaupt: Es ist nicht so einfach, mit Wörtern die Wirklichkeit zu verändern.

Vielleicht schaffen es ja die Leute von Facebook. Die haben sechzig Geschlechter identifiziert, und wer sich in dem Netzwerk anmeldet, hat die Wahl: androgyner Mensch, androgyn, bigender, weibliche, Frau zu Mann (FzM), gender variabel, genderqueer, intersexuell (auch inter*), männlich, Mann zu Frau (MzF), weder noch, geschlechtslos, nicht-binär, weitere, Pangender, Pangeschlecht, trans, transweiblich, transmännlich, Transmann, Transmensch, Transfrau, trans*, trans* weiblich, trans* männlich, Trans* Mann, Trans* Mensch, Trans* Frau, transfeminin, Transgender, transgender weiblich, transgender männlich, Transgender Mann, Transgender Mensch, Transgender Frau, transmaskulin, transsexuell, weiblich-transsexuell, männlich-transsexuell, transsexueller Mann, transsexuelle Person, transsexuelle Frau, Inter*, Inter* weiblich, Inter* männlich, Inter* Mann, Inter* Frau, Inter* Mensch, intergender, Intergeschlechtlich, zweigeschlechtlich, Zwitter, Hermaphrodit, Two Spirit drittes Geschlecht, Viertes Geschlecht, XY-Frau, Butch, Femme, Drag, Transvestit, Cross-Gender.

Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient …

Auffallend: In der deutschen Politik gibt es einen Trend zur Wohlfühl-Wortwahl: das Starke-Familien-Gesetz, das Gute-Kita-Gesetz, die Respekt-Rente … ach, wie schön das klingt! Mit rosa Schleifchen um die Zunge verkündet. Hört her, liebe Bürgende (vulgo: Volk m/w/d), seid brav, wir tun euch Gutes!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Guten Morgen, auch schon wach?!

Na, noch neugierig, liebe Leserin, lieber Leser? Das hoffe ich doch! Auf geht’s, in eine neue Runde des Forums mit einem nicht ganz neuen Thema.

Carlo Stoffels schreibt: „Der TV berichtete“ – was soll diese Floskel, die in letzter Zeit immer häufiger auftaucht? Natürlich berichtet und berichtete der TV über zurückliegende Ereignisse. Das ist sein Auftrag und sein Geschäftsmodell. Wenn Sie wenigstens die entsprechende Ausgabe mit Datum dazuschreiben würden, wäre es nachvollziehbar und hätte auch einen informativen Aspekt, indem man den Hintergrund und Ablauf des jeweiligen Ereignisses zum Beispiel über Ihre Internetseite zurückverfolgen könnte. Aber so hat es lediglich den Anschein der Selbstbeweihräucherung, ohne jeglichen informativen Charakter. Schade eigentlich! Der Spiegel zum Beispiel schreibt jedes Mal Jahr und Ausgabe des Artikels dazu, in dem auf den entsprechenden Artikel Bezug genommen wird und nicht einfach nur „der Spiegel berichtete“.

Vielleicht könnte man die Zeit, die zum Einbau dieser Floskel benötigt wird, nutzen, um die nicht unerhebliche Anzahl orthographischer Fehler in Ihren Beiträgen zu korrigieren.

Selbstverständlich werden Sie diesen Leserbrief eher nicht veröffentlichen – würde mich sehr überraschen. Aber ich möchte es nur wieder einmal erwähnt haben.

Lieber Herr Stoffels,

vielen Dank für Ihre Anregung, die wir in dieser Kolumne schon einmal verhandelt haben (der TV berichtete am 21./22. Juni 2014). Macht  nichts, die Frage ist ja zeitlos schön: Was soll das, dieser ständige Hinweis auf frühere Berichterstattung, diese Beschwörungsformel, diese Marotte? Nervig. Sinnlos. Und der Verdacht der Selbstbeweihräucherung, wie Sie schreiben, oder, sagen wir sachlich: des Marketings, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Warum also? Es gibt gute Gründe:

Der TV berichtete – das signalisiert: Liebe Leser, jetzt folgt das nächste Kapitel einer Geschichte, an der wir schon seit einiger Zeit schreiben. Wir erzählen, wie es weitergeht, wir bleiben dran, wir greifen aktuelle Entwicklungen auf. Im Idealfall ergänzt um das Datum des vorigen Artikels. Wenn es sich um Dauer-Storys wie die Renovierung des Trierer Theaters handelt, ist das schwierig, weil womöglich Dutzende von Verweisen aufzulisten wären. Wie Fußnoten in einer Doktorarbeit.

Der TV berichtete – das signalisiert auch: Liebe Leser, diese Neuigkeiten haben wir für Sie recherchiert, das ist „unser“ Thema. Vielleicht haben Sie im Radio davon gehört, vielleicht im Fernsehen einen Beitrag darüber gesehen, vielleicht irgendwo im Internet etwas gelesen. Und damit Sie nicht denken: Guten Morgen, Volksfreund, auch schon wach …, zeigt die Redaktion an: Wir haben uns damit beschäftigt, bevor andere Medien aufgesprungen sind.

Der TV berichtete – das signalisiert zudem: Liebe Leser, diese Zeitung ist ihr Geld wert, denn viele Informationen, die wir liefern, sind exklusiv, die bekommen Sie nur bei uns, dafür haben wir hart gearbeitet – und auf das Ergebnis sind wir stolz.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Drei Regeln für ein faires Rennen

Okay, liebe Leserin, lieber Leser, sind Sie bereit für ein bisschen Regelkunde?  

Noch hundert Tage bis zum Superwahlsonntag im Volksfreund-Land.  26. Mai 2019: Wir wählen das Europäische Parlament, wir wählen Stadträte, wir wählen Gemeinderäte, wir wählen Kreistage, wir wählen Verbandsgemeinderäte, wir wählen Bürgermeister.

Noch hundert Tage … Wahlkampf, kontinental und lokal. Parteien werfen ihre Netze aus. Politiker tingeln durch die Lande, putzen Klinken, lächeln von Plakatwänden. Sie twittern und instagrammen und whatsappen um die Wette (oder lassen twittern und instagrammen und whatsappen), sie sammeln „Freunde“ in Facebook (oder lassen sammeln), sie engagieren Influencer, die ihre Botschaften auffällig-unauffällig verbreiten.

Ein Rennen um Aufmerksamkeit auf dem Marktplatz der Meinungen. Themen, Thesen, Temperamente auf allen Kanälen, in allen Medien, analog und digital, in allen Genres,  darunter: Leserbriefe in Zeitungen.

Immer wieder werde ich gefragt: Was geht im Volksfreund? Meine Antwort: fast alles, die Spielregeln sind einfach. Hier ein Überblick:

Regel Nummer eins: Ihre Meinung zählt! Ob Sie die Partei X, Y oder Z gut finden oder nicht, ob Sie die Standpunkte von Redakteuren teilen oder genau das Gegenteil für richtig halten – der Volksfreund ist überparteilich und veröffentlicht Ihren Beitrag (sofern nicht rechtswidrig, radikal oder, mit Verlaub, unsinnig).

Regel Nummer zwei: Keine Propaganda in Leserbriefen! Wenn in unterschiedlichen Zuschriften dieselben Wörter, dieselben Textbausteine, dieselben Phrasen vorkommen, riecht das nach Absprache. Ist da ein Ghostwriter zugange, handelt es sich um Auftragsarbeiten? Alles schon dagewesen. Der Volksfreund bringt keine Leserbriefe von Autoren, die eindimensional um Zustimmung für Parteien oder Kandidaten buhlen oder Wahlempfehlungen aussprechen – egal ob die Parteibrille des Schreibers rot, schwarz, grün, gelb oder wie auch immer gefärbt ist.

Regel Nummer drei: Nicht in eigener Sache! Manche Polit-Strategen greifen in diesen aufregenden Zeiten selbst in die Tasten und reichen Leserbriefe ein, in denen sie erklären, warum sie und ihre Partei die schönsten, besten, tollsten weit und breit sind und die anderen doof. Wird nicht veröffentlicht, weil: Werbung, und die gehört in den Anzeigenteil.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Caesar erzählt vom Krieg

Caesar erzählt vom Krieg

Latein, klassisch: Gallia est omnis divisa in partes tres … der Auftakt zu Gaius Julius Caesars literarischem Kriegstagebuch De bello Gallico. Nanu, was soll das denn?! Die Auflösung folgt. Zunächst eine Zuschrift von Leserin Dr. Ute Schmidt aus Bettingen:

Über das Forum 564 habe ich mich sehr gefreut, weil endlich das Thema „Deutsche Sprache“ angegangen wird. In diesem Zusammenhang steht meine Kritik an einigen Schreibern des Volksfreunds. Was mich besonders ärgert, ist, dass durch falschen Gebrauch der Zeitangaben (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) Missverständnisse entstehen. Da liest man, dass jemand einen Vortrag hält und freut sich darauf – bis man feststellt, dass der Vortrag bereits gehalten worden ist. Oder dass eine Straße gesperrt ist – obwohl das erst irgendwann sein wird. Ich könnte täglich Beispiele nennen …

Liebe Frau Dr. Schmidt,

vielen Dank für Ihre Anmerkungen zur Zeitungssprache und die treffende Kritik an manch über­flüssiger Irritation. „Merkel tritt zurück“, „Dortmund gewinnt Meisterschaft“, „Mann erschlägt Onkel mit Axt“ – es geht immer um das Jetzt. Wer solche Schlagzeilen liest, hat das Gefühl, Neuigkeiten zu erfahren, die in eben diesem Moment passieren. Darum die „falsche“ Zeit.

Die Gegenwartsform (Präsens) sorgt für Tempo und Dynamik. Im Alltag sagen die wenigsten Menschen ihren Liebsten am Telefon: Ich werde um Mitternacht nach Hause kommen. Sondern: Ich komme um Mitternacht nach Hause.

Journalisten sprechen ihre Leser/Zuschauer/Hörer direkt an: Ich habe prickelnde Neuigkeiten für Sie, und weil ich weiß, dass Sie es eilig haben, mache ich es kurz, anschaulich, lebhaft. Ein bisschen Psychologie spielt hinein: Im Präsens bleiben die Nachrichten länger frisch und wirken nicht, gähn, wie von gestern.

Gar nicht gut jedoch, wenn es Missverständnisse gibt, weil die verwendete Zeitform in die Irre führt. Das ist ärgerlich, das lässt sich vermeiden – durch geschicktes Formulieren (dazu braucht es Sprachgefühl), durch Herumfeilen an Texten (das ist anstrengend).

Und was hat Caesar mit all dem zu tun? Sein Bericht über den Gallischen Krieg (58 bis 51/50 vor Christus) ist legendär – auch wegen der sprachlichen Extraklasse. Der römische Staatsmann, Feldherr und Autor erzählt Historisches im Tempus der Gegenwart, um die Spannung zu steigern, um die Dramatik der sich überstürzenden Ereignisse zum Ausdruck zu bringen, um die Leser zu fesseln. Stilprägend, vor mehr als zwei Jahrtausenden. Gallien in seiner Gesamtheit zerfällt in drei Teile …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die Kunst des Müßiggangs

Sie sind genervt? Sie sind gestresst? Sie sind zappelig? Hmm. Könnte mit diesem Internet-Dings zu tun haben. Könnte sein, dass FOMO die Ursache ist – die erste Social-Media-Krankheit. Sie breitet sich wie ein Virus in der digitalen Gesellschaft aus. FOMO bedeutet: Fear of missing out, zu Deutsch: Angst, etwas zu verpassen.

Besonders anfällig für eine Infektion ist die Generation Z. Junge Menschen, anscheinend verwachsen mit ihrem Smartphone, die den halben Tag auf Facebook oder sonstwo im Netz abhängen, die ziellos herumsurfen, die sich sorgen, dass sie nicht mitbekommen, was ihre Freunde treiben. Rast- und ruhelos auf der Jagd nach (scheinbar) wichtigen Posts und Nachrichten. Die nie abschalten, die immer erreichbar sind. Überall und jederzeit. Beim Lernen, beim Arbeiten, beim Essen, beim Autofahren, beim …

Jeder Fünfte würde einer Studie zufolge eher auf Sex verzichten als auf sein Suchtgerät.

Die Diagnose: zwanghaft abhängig von digitalen Medien.

Die Therapie: Manche merken, dass sie ihre Zeit verplempern. Sie springen ab vom Suchtkarussell. Die Gegenbewegung zu FOMO nennt sich JOMO: Joy of missing out, zu  Deutsch: die Freude, etwas zu verpassen.

Seid achtsam! Gönnt euch öfter mal eine Auszeit! Legt das Smartphone beiseite! Zieht den Stecker! Lasst die Seele baumeln! Gebt euch dem süßen Nichtstun hin! Übt euch in der Kunst des Müßiggangs!

Stress wegen der ewigen Hatz, Sehnsucht nach Entschleunigung – das gab’s auch in der analogen Welt. Die industrielle Revolution zum Beispiel brachte eine zuvor unbekannte Dynamik in das Leben der Menschen. Plötzlich war die Moderne da. Und alles anders. Tempo, Tempo, Tempo.

Der zivilisationskritische Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) bewunderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Mentalität der Bewohner des Morgenlands: „Diese Leute haben Zeit! Massen von Zeit! Sie sind Millionäre an Zeit, sie schöpfen wie aus einem bodenlosen Brunnen, wobei es auf den Verlust einer Stunde und eines Tages und einer Woche nicht groß ankommt.“ Göttlicher Müßiggang, purer Luxus: „Bei uns, im armen Abendland, haben wir die Zeit in kleine und kleinste Teile zerrissen, deren jeder noch den Wert einer Münze hat.“

Ähnlich argumentieren heute die Achtsamkeits-Apostel und ­JOMO-Jünger: Zeit ist unser kostbarstes Gut! Nutze den Tag! Freue dich, wenn du etwas verpasst!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Eine Frage der Ehre

Rettet dem Deutsch! Ein Hilfeschrei, ein Stoßgebet, so falsch (absichtlich), dass es wehtut – wie oft habe ich diese drei Wörter samt einem oder mehreren Ausrufezeichen gedacht, gegrummelt, gefluc… angesichts von Texten, in denen es drunter und drüber geht. Rechtschreibung, Grammatik, Satzbau, Interpunktion, Umgang mit Tempora, Wortschatz, Logik. Rettet dem Deutsch!

Joachim Schröder aus Pronsfeld, Leser und langjähriger freier Mitarbeiter dieser Zeitung, schreibt zum Thema: Wie steht‘s um unsere Grammatik? Immer öfters fällt mir in letzter Zeit – das gilt auch für den Volksfreund – auf, dass es mit gewissen grammatikalischen Konstruktionen hapert. Beispiele gefällig? „Wegen dem schlechten Wetter musste eine Reihe von Spielen abgesagt werden.“ – „Wegen des Schneefalls wurden eine Reihe von Nebenstraßen gesperrt.“ – „Es gab trotz dem Zwischenfall keine zusätzlichen Erschwernisse.“ – „Eine Vielzahl von Unfällen ereigneten sich in Bayern auf der A 8.“ – „Der viele Schnee sorgte für großes Chaos.“ (Seit wann ist „viel“ ein zu deklinierendes Adjektiv? Vielmehr ist es ein Numerale indefinitum - undeklinierbar). Ich könnte endlos fortfahren. Wo studieren eigentlich unsere Journalisten? Braucht es auch das Fach Linguistik?

Lieber Herr Schröder,

die einen bedauern, dass die Sprache Luthers, Goethes und Thomas Manns verludert und verlottert. Die anderen sagen, was regt ihr euch auf, ist doch normal – die Art, wie wir kommunizieren, hat sich halt (mal wieder) verändert. Diesmal im Zeichen der digitalen Revolution und der sozialen Netzwerke: schneller, spontaner, kürzer, extremer, zugespitzter, lauter, unkonzentrierter, kreativer – und oft ohne Rücksicht auf die Konventionen der reinen Lehre. Goethe hat nicht wie Luther geschrieben und Thomas Mann nicht wie Goethe. Wohl nie aber war der Wandel so rasant, so radikal wie in der Jetztzeit.

Der Befund: Die Zahl der Kundigen, die das korrekte Schreiben beherrschen, nimmt ab. Die Zahl der Schlunzer und Schluderer, die das korrekte Schreiben nicht beherrschen (oder denen es egal ist), nimmt zu. Der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann beobachtet und analysiert die Entwicklung seit Jahren. Seine Erkenntnis: Das Rechtschreibniveau ist stark gesunken. Wenn Schüler heute ein Diktat aus den 1960er Jahren schreiben müssten, dann würden rund drei Viertel als Legastheniker gelten.

Uni-Professoren beklagen wachsende Defizite in der Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz der Studenten. Manche seien nicht imstande, die Aussage eines längeren Textes zu erfassen oder die eigenen Gedanken und Argumente richtig auszudrücken. Mitunter seien selbst angehende Lehrer der deutschen Sprache nicht mächtig.

All das macht sich mählich in der gehobenen Schriftsprache bemerkbar. Niemand ist vollkommen, Fehler passieren, selbst Sprachhelden sind davor nicht gefeit.

Eine Frage der Ehre, dass wir beim Volksfreund alles dafür tun, gute Texte zu veröffentlichen. Rettet dem Deutsch!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Hurra, wir leben noch!

Alles auf Anfang: In den Nachrichten ist gefühlt nur noch von Chaos die Rede. Brexit-Chaos. Schnee-­Chaos. Trump-Chaos. Bahn-Chaos. Diesel-­Chaos. Streik-Chaos …

Jeden Tag ein neuer Weltuntergang, so scheint’s. Diese Aufgeregtheit, dieser Alarmismus, diese Hysterie! Ist es wirklich so, dass wir Erdlinge ohne Unterlass zittern, barmen und uns fürchten – vor irgendeinem Chaos?! Nö. Die Welt ist chaotisch (war es immer, wird es immer sein), der Mensch müht sich, das Chaos zu ordnen, und siehe: Wir leben noch!

Veränderung ist normal. Völlig gaga, jede klitzekleine Neuigkeit zum Chaos (alternativ: Krise, Katastrophe) hochzujazzen. Brexit, Schnee, Trump … unbedeutender Killefitz im Vergleich zu den grundstürzenden Revolutionen, die im Gange sind: künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Klimawandel – das sind die größten Herausforderungen, mit denen unsere Spezies je konfrontiert war (sagt der Universalhistoriker Yuval Noah Harari).

Ui, klingt ja spannend. Was passiert da? Was bedeutet es? Wir suchen Antworten: Die Volksfreund-Redaktion wird in nächster Zeit intensiv auf diese Mega-Themen schauen, recherchieren und berichten. Ohne Chaos-­Geschrei.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Esmeralda, Yoda und der Rote Riese

Esmeralda! Wow! Was für ein Name! Esmeralda schreibt mir eine Mail. Sie nennt eine „echte“ (hihi) Adresse auf der Inselgruppe St. Kitts und Nevis, sie sei meine „Freundin“ (hihi), sie verspricht ein „erschreckendes Horoskop“ (oho) und Antworten auf alle Fragen – gratis! Das ist ja’n Ding: „Esmeralda, Yoda und der Rote Riese“ weiterlesen