Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim

Ist das ein Wort, das noch gebraucht wird – oder kann das weg? Die Sprach-Gurus des Duden-Verlags grübeln. Hmm.

Jägersmann zum Beispiel: kann weg, ist veraltet, wird nicht mehr gebraucht. So wie Bäckerjunge, Kammerjungfer, Lehrmädchen, Pfarrherr, Vorführdame. Weg, weg, weg, weg, weg.

In der neuen Ausgabe des Dudens stehen 148 000 Wörter, darunter dreitausend, die es zuvor nicht gab. Ein paar Hundert sind ausgemustert worden. Was bleibt, was verschwindet?

 „Wir analysieren den Sprachgebrauch der letzten Jahre mithilfe unseres Dudenkorpus. Das ist eine riesige elektronische Textsammlung, die derzeit rund 5,6 Milliarden Wortformen umfasst“, sagt Dr. Kathrin Kunkel-Razum, die Leiterin der Duden-Redaktion. „Diese Sammlung können wir nach verschiedenen Kriterien auswerten, unter anderem danach, wann welche Wörter neu in das Korpus gekommen sind. Wenn man dann noch die Faktoren Häufigkeit, Breite und Dauer des Auftretens eines Wortes mit einbezieht, hat man schon eine sehr gute Grundlage für die Auswahl der Kandidaten.“

Ein Computer-Programm, künstliche Intelligenz, trifft also die Vorauswahl. Der Jägersmann? Besungen vom Romantiker Joseph von Eichendorff und vom Humoristen Wilhelm Busch, vom Struwwelpeter-Erfinder Heinrich Hoffmann („Es zog der wilde Jägersmann / sein grasgrün neues Röcklein an; / nahm Ranzen, Pulverhorn und Flint / und lief hinaus ins Feld geschwind“) und  vom Heide-Dichter Hermann Löns („Jedoch die jungen Mägdelein, / Die liebt der Jägersmann“), verewigt in einem Kinderlied: „Auf einem Baum ein Kuckuck, – / Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim / Auf einem Baum ein Kuckuck saß. / Da kam ein junger Jäger, – / Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim / Da kam ein junger Jägersmann / Der schoss den armen Kuckuck, – / Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim / Der schoss den armen Kuckuck tot.“

Jetzt ist’s vorbei mit Sim sa la bim, der Jägersmann kommt im Alltagssprech kaum noch vor, er hat sein Pulver verschossen. Und tschüss!

Es sei, sagt die Duden-Frau Kunkel-Razum, „wie mit alten Freundschaften: Nicht alle halten, nicht alle Wörter werden noch benutzt, Zeit, sich von ihnen zu verabschieden. Was ja nicht heißt, dass man nicht noch oft und gern an sie denkt, schließlich haben sie einen lange begleitet.“

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ach, du lieber Zeitgeist …

Neulich habe ich ein Wort gesucht. Nicht, dass ich es vermisst oder dringend gebraucht hätte. Nein, ich habe in der Zeitung gelesen, dass dieses Wort (wieder) im Duden vorkommt, und das hat mich neugierig gemacht.

Es ist ein böses Wort, ideologisch vergiftet, von Linken und von Rechten als politischer Kampfbegriff verwendet, besonders von Hitlers Propaganda. Während der Nazi-Diktatur stand es im Duden, danach verschwand es, flugs im Osten, mit Verzögerung im Westen. Jetzt also habe ich gelesen, dass es wieder drin sei – in der 28. Auflage des Lieblingswörterbuchs der Deutschen, die seit gut vier Wochen auf dem Markt ist.

Nur: Ich finde es nicht, das böse Wort: Volksverräter (abwertend für: jemand, der das eigene Volk hintergeht, betrügt). Es müsste zwischen Volksvermögen und Volksvertreter auf Seite 1219 gelistet sein. Ist es aber nicht. Erst ganz hinten, auf der Innenseite des Buchdeckels, ploppt es auf, als „Unwort des Jahres 2016“: Volksverräter. In der Flüchtlings-Debatte, nach Merkels „Wir schaffen das!“, hatten rechte Krakeeler das böse Wort ausgebuddelt – auf der Müllhalde des Nazi-Sprechs. 

Merkwürdig: Schon vor drei Jahren, als die 27. Duden-Auflage herauskam, war der Volksverräter vom Verlag als Rückkehrer angekündigt worden, fehlte jedoch, warum auch immer. Dagegen ist ein anderer Wiedergänger seitdem dabei: Lügenpresse, das „Unwort des Jahres 2014“. Hmm.

Die Sprache verrät viel über den Zustand der Gesellschaft, der Kultur, der Politik. Der Wortschatz verändert sich, weil die Welt sich verändert, weil wir nicht genug Vokabeln haben, um all das auszudrücken, was wir denken-sehen-hören-fühlen-schmecken-riechen-träumen, weil wir ständig frische Wörter benötigen, um Dinge zu benennen, die es bislang nicht gab. Alles fließt. Die Frage: wohin?

Der aktuelle Duden ist „3000 Wörter stärker“ als zuvor (Werbespruch des Verlags), liegt bei 148 000 Einträgen. Wäre der Zeitgeist ein Mensch, zusammengesetzt aus hippen Neologismen, sähe er vielleicht so aus: Wildpinkler mit Männerdutt im Wohlfühlmodus, bienenfreundlich und pansexuell, stärkt sich mit Craftbeer, Matchatee und Bartöl für Achtsamkeitsübungen und Gänsehautmomente, hängt in der Shishabar ab, grübelt über Klimanotstand und Insektensterben, kauft im Unverpacktladen ein, ist Influencer und verbringt seine Tage mit hypen, ixen, batteln, doodeln, leaken, spoilern

Was für ein Typ! Zwinkersmiley.

P.S.: In der Online-Version des Dudens habe ich den Volksverräter entdeckt und die Volksverräterin gleich mit – gendergerecht, versteht sich.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Nur mit Kompass in den Dschungel

Ganz schön mutig: einfach aufzubrechen ins Unbekannte, in einen Dschungel voll Gefahr – ohne zu wissen, was einen erwartet, unbekümmert, ahnungslos. So ist der Mensch. Latscht los und wundert sich hinterher …

Der Dschungel des 21. Jahrhunderts ist das Internet, spannend, genial, spektakulär, geheimnisvoll. Und: gespickt mit Fallen. Fake-News, Hetzkampagnen, Verschwörungsgeschwurbel und dergleichen. Der Mensch stolpert hinein, ohne Kompass, und verliert die Peilung. Weil es an der Grundausrüstung fehlt: Medienkompetenz. Ein sperriger Begriff aus der Kommunikationswissenschaft. Gemeint ist die Fähigkeit, Informationen zu verstehen, kritisch zu beurteilen, effektiv zu nutzen. Sollte jeder draufhaben, der im Netz unterwegs ist.

Medienkompetenz ist so wichtig wie Mathe und Sprachen und gehört auf den Stundenplan der Schulen. Studie um Studie (zuletzt Allensbach) legt den Verdacht nahe: Kinder und Jugendliche werden offenbar nicht umfassend auf die Herausforderungen des Informationszeitalters vorbereitet. Medienkompetenz: mangelhaft.

Es bleibt viel zu tun. – Hier wieder einige Tipps für Faktenfinder, zusammengestellt vom Verein „Deutschland sicher im Netz e.V.“. Wenn Sie glauben, eine Falschmeldung gefunden zu haben, gehen Sie folgendermaßen vor:

Bekannte, vertrauenswürdige Quellen checken: Konzentrieren Sie sich auf die Kanäle und Seiten, die allgemein als vertrauenswürdig bekannt sind.

Logisch denken: Überprüfen Sie sich selbst: Wie emotional reagieren Sie auf das Thema und warum? Inwieweit deckt sich die Nachricht mit Ihrem bisherigen Kenntnisstand?

Nicht weiterleiten: Leiten Sie Meldungen von unklarem Wahrheitsgehalt nicht an Freunde und Bekannte weiter.

Leitmedien einschalten: Teilen Sie Ihre Bedenken lieber mit den Redaktionen etablierter Medien, die die Echtheit überprüfen können.

Inhalte bei Plattformen melden: Auch Facebook, Google und andere Dienste bieten die Möglichkeit, Inhalte zu melden. Machen Sie davon Gebrauch.

Betroffenen von Falschmeldungen helfen: Machen Sie Personen und/oder Institutionen darauf aufmerksam, wenn sie Teil einer Falschmeldung sind. Die Universität Wien distanziert sich beispielsweise vom Mythos, ihre Mediziner hätten herausgefunden, dass Ibuprofen eine Corona-Lungenerkrankung verschlimmert.

(Quelle: sicher-im-netz.de)

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Richtig? Falsch? Bitte prüfen!

Ich weiß, das Thema nervt. Fake-News. Immer wieder Fake-News. Ausblenden? Ignorieren? Ja, denkbar. Besser noch, behaupte ich: aufklären, erklären.

Kein Tag, an dem sich nicht Leser melden, die meinen, sie hätten im Internet hochexplosive Informationen aufgetan, die von den Mainstream-Medien totgeschwiegen oder zensiert werden.

Typische Frage: Warum berichtet der Volksfreund nicht darüber? Antwort: Weil die Informationen nicht stimmen. Nächste Frage: Woher weiß die Redaktion, dass es sich angeblich bloß um Gerüchte, Halbwahrheiten, Mythen, Verschwörungstheorien, Spekulationen, Fälschungen, Lügen handelt? Antwort: Recherche! Frage: Und wie geht das? Antwort: erstens Menschenverstand einschalten, zweitens grundlegende Punkte klären. Probieren Sie es mal. Zum Beispiel mit Hilfe einer Checkliste wie dieser hier, zusammengestellt von dem gemeinnützigen Verein „Deutschland sicher im Netz e.V.“ mit Sitz in Berlin unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministeriums:

Informationen sind vage und unvollständig: Oft fehlen bei Falschmeldungen wichtige Details wie Namen und Orte und es wird auf Formulierungen wie „ein Arzt“, „ein Onkel aus China“ oder „In einem Dorf in Italien“ ausgewichen.

Unklare Autorenschaft: Ist die Neuigkeiten verbreitende Person bekannt oder tatsächlich als Experte zu einem Thema anzusehen? Wenn nicht, könnte es sich um eine absichtliche Falschmeldung handeln.

Unbekannte Quellen: Welche Quellen werden angeführt? Überprüfen Sie, welche Meldungen von dort sonst noch verbreitet werden.

Exklusive Quellen: Wenn Behörden, Ministerien, Institute oder Leitmedien eine sehr brisante Meldung noch nicht aufgegriffen haben, dann könnte es daran liegen, dass sie schlichtweg falsch ist.

Zweifelhafte Echtheit von Zitaten: Würde die zitierte Person solche Sachen wirklich in der Öffentlichkeit sagen? Würde sie es tatsächlich so formulieren? Wenn Ihnen eine Aussage äußerst seltsam vorkommt, dann ist sie womöglich aus dem Zusammenhang gerissen.

Veraltete Meldung: Wenn eine Meldung über kein Datum verfügt oder sogar ein älteres Datum enthält, ist Vorsicht geboten.

Die Meldung ist einfach zu lustig: Wer beim Lesen laut lachen muss, hat es mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem satirischen Beitrag zu tun.

Unausgewogene, nicht objektive Meldungen: Wenn ein Beitrag sehr einseitig wirkt und nicht alle Aspekte einer Geschichte beleuchtet, könnte es sich um die tendenziöse Arbeit von Lobbyisten handeln. Fragen Sie sich: Wer könnte von dieser Meldung profitieren?

Reißerische Schlagzeile: Anhand einer Schlagzeile korrekt über eine komplexe Situation zu urteilen, ist bisher noch niemandem gelungen. Oft handelt es sich bei emotionalen und provokanten Überschriften um das sogenannte „Clickbaiting“, bei dem Leser zum Klicken auf einen Link gebracht werden sollen, der dann aber die erwarteten Informationen gar nicht enthält.

(Quelle: sicher-im-netz.de)

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Danke, Facebook! Danke, Twitter!

Die „ganze Wahrheit“ über das Coronavirus findet sich im Internet. All das, was Journalisten verschweigen, vertuschen, verheimlichen. All das, was die „Mainstream-Medien“ zurückhalten, auf Anweisung von denen „da oben“, für einen Judaslohn. All das, was wirklich hilft, die Seuche zu besiegen, zum Beispiel Salz, Sesamöl und Knoblauch …

Halt! Stopp! Fake-News! Das Netz ist voll davon. Gerüchte, Halbwahrheiten, Mythen, Verschwörungstheorien, Spekulationen, Täuschungen, angebliches Insider-Wissen. Mal als Satire inszeniert, mal in der Absicht, Stimmung zu machen, Hass zu säen, die öffentliche Meinung zu manipulieren, mal einfach nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Millionen und Abermillionen Menschen, ohnehin verunsichert, weil die Pandemie so viele Fragen aufwirft, auf die es (noch) keine Antworten gibt, fallen darauf herein, sie werden ängstlich, hysterisch, wütend.

Gegen die Corona-„Infodemie“ – so nennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Flut an Fehlinformationen und Falschmeldungen auf Social Media, Webseiten und in Messengerdiensten – hilft kein Impfstoff. Sondern Vernunft. Und Verstand. Und Aufklärung.

Ein Beispiel: Anfang Mai appellierten internationale Mediziner in einem offenen Brief an Tech-Konzerne wie Facebook oder Twitter, konsequent gegen Desinformation vorzugehen. Und siehe da: Es tut sich etwas. Facebook hat nach eigenen Angaben inzwischen hundert Millionen zweifelhafte Inhalte zum Coronavirus mit Warnhinweisen gekennzeichnet und mehr als sieben Millionen Beiträge vollständig gelöscht, die nach Einschätzung der Faktenchecker die Gesundheit von Menschen gefährden könnten. Die Botschaft: Nein, liebe Leute, Salz, Sesamöl und Knoblauch taugen nicht, um das Virus zu bekämpfen, und Facebook distanziert sich von solchem Unfug.

Ganz ähnlich Twitter. Der vom US-Präsidenten bevorzugte Kommunikationskanal hat neulich Tweets gesperrt, in denen das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin als wirksames Mittel zur Heilung von Covid-19 angepriesen worden war – eine falsche Behauptung, lanciert unter anderem von Donald Trump.

Danke, Facebook! Danke, Twitter! Fake-News und Viren lassen sich nur stoppen, wenn man sie nicht weiterverbreitet.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Wanderer, kommst du nach …

Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Aber dann …

Mächtig recken sich die Baumriesen gen Himmel. Fünfzig Meter hoch, mindestens. Wow! Ich halte inne, blinzle in die Wipfel, staune. Wow, wow, wow!

Wanderer, kommst du nach … Naurath im Hochwald, begib dich auf die Fünf-Täler-Tour. Ein Traum, diese Schleife. Der Weg ist das Ziel. Du streifst durch schattige Buchenhaine, schlenderst an murmelnden Bächen entlang, und nachdem du in den Fledermaus-Stollen gelunzelt hast, stehst du plötzlich vor den Baumriesen. Eine Tafel am Wegesrand erläutert: Es handelt sich um Douglasien (Pseudotsuga taxifolia) aus dem westlichen Nordamerika, Oregon Pine, eine raschwüchsige Nadelholzart. Der Volksmund nennt sie: „Die zwölf Apostel“.

Oha! Sofort läuft das Kopf-Kino an. „Die zwölf Apostel“, klingt geheimnisvoll. Wer hat sich das ausgedacht? Wie ist der Name entstanden? Was ist das für eine Geschichte? Und warum zwölf, ich zähle vierzehn? Auf der Tafel ist zu lesen, ursprünglich seien es fünfzehn gewesen, der Orkan Wiebke habe einen der Giganten gefällt, den „Judas“ …

Was ich sagen will: Es sind bloß Bäume, soundso groß, soundso viele, soundso alt. Fakten und Daten. Dass sie „Die zwölf Apostel“ heißen, macht eine Geschichte daraus.

Es ist ein uralter Trick: Sag den Satz „Pass auf, ich erzähl dir eine Geschichte“ – und du hast die Aufmerksamkeit der Menschen. Wir lieben Geschichten. Wir wollen wissen, wie die Dinge beginnen, sich entwickeln, enden, wir streben danach, sie zu erklären, wir laden sie auf mit Sinn und Bedeutung.

Der Reporter Juan Moreno schreibt in seinem Buch Tausend Zeilen Lüge: „Wir werden täglich mit Geschichten bombardiert: Filme, Serien, Artikel, Werbebotschaften, Plakate, sogar der Nachbar gibt nicht einfach eine Info weiter. Er erzählt uns eine Geschichte. Wir sind süchtig danach. Heute hat jeder Markenturnschuh, jeder Manufaktum-Kochlöffel, jede Unterhose ein verkaufsförderndes Narrativ, eine Geschichte.“ Äußerst wirksam! Das haben zwei amerikanische Journalisten in einem Experiment nachgewiesen. Sie kauften, schreibt Moreno, einhundert Gegenstände auf eBay. Kleinkram wie Flaschenöffner und Porzellanfiguren. Sie gaben 128,74 Dollar aus. Dann baten sie Autoren, zu jedem Gegenstand eine gut geschriebene Geschichte zu verfassen und stellten dieselben Objekte samt neuem Narrativ erneut bei eBay ein. Sie erlösten 3612,51 Dollar …

So ist das. Ich denke über solche Sachen nach, wenn ich durch die Gegend wandere und den „zwölf Aposteln“ begegne. Oder, zum Beispiel, den „drei Mördern“ – aber das ist eine andere Geschichte.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Seid kritisch, sagt eure Meinung – und passt auf, mit wem ihr euch einlasst. 

Upps. Es ist so weit. Das deutsche Volk hat sich erhoben, schreibt mir einer, und es ist dabei, „wie Dornröschen wach geküsst zu werden – ja, sich selber wach zu küssen, indem es die Lügen, die schamlosen Lügen seiner Bevormunder und Freiheitsrauber erkennt, und, was ganz wichtig ist: die Lügner und ihre Lügen offen und ohne Scheu beim Namen nennt.“

Er sei, schreibt er, „mit einer Million nach Freiheit dürstender Knechte“ durch Berlin gezogen und habe es gespürt: Immer mehr Unterdrückte, Entrechtete und Verfolgte hätten „die Schnauze gestrichen voll“ von den „schamlosen Lügen des europaweiten, globalen Systems einer Einheits-Welt-Diktatur über symbolisch sichtbar unterstrichen per Maulkorbmaske entmündigte und ihrer Mimik entseelte, durch eingeimpfte Angst ihres Denkens beraubte Roboter-Sklaven.“

Okay. Wieder so ein Verschwörungsschwurbler, der meint, die Corona-Pandemie sei „die Umsetzung einer Agenda, um die Menschen weltweit und endgültig ihrer Freiheit zu berauben.“ Wieder so ein Provokateur, der meint, Journalisten seien „Auftragsfälscher“, „Wirklichkeitsverdreher“ und „Volksverdummer“, gleichgeschaltet und gesteuert von der Regierung. Wieder so ein Radikalinski, der meint, … Moment mal, hoppla, es handelt sich um einen verurteilten Volksverhetzer und Holocaust-Leugner, wie die Recherche seiner Vorgeschichte zeigt.

Warum ich Passagen aus der Hetzschrift veröffentliche? Um transparent zu machen, was da im Gange ist. Vielleicht kapiert es der eine oder andere Mitläufer.

Neiiiin, mit Nazis haben sie nichts zu tun, sagen die Corona-Protestler. Sie marschieren bloß Seit an Seit mit ihnen in Berlin, am „Tag der Freiheit“ (das Motto der Demo ist, komischer Zufall, der Titel eines Propaganda-Films von Leni Riefenstahl über den Parteitag der NSDAP 1935).

Yoga-Lehrerinnen neben Reichsbürgern, die schwarz-weiß-rote Fahnen schwenken. Impfgegner mit Aluhüten neben Friedensbewegten, die Gandhi auf einem Plakat vor sich her tragen, und Linken, die nach Che Guevara rufen. Skeptiker und Verunsicherte neben Rechten, die „Lügenpresse“ schreien.

Neiiiin, mit Nazis haben sie nichts zu tun, sagen Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die auf Hygiene-Regeln pfeifen und nicht merken, dass sie Verschwörungsschwurblern und politischen Wirrköpfen auf den Leim gehen.

 „Lügenpresse“, „Tag der Freiheit“ – wer wie ein Nazi spricht, setzt sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein. Wer mit Nazis marschiert, setzt sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein. Naiv? Ignorant? Anscheinend. Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Erwischt – danke, Kommissar Zufall!

Caramba! Auf frischer Tat ertappt. Das Rätsel ist gelöst, der Unhold hat sich selbst verraten, seine Tarnung ist aufgeflogen. Nach all den Jahren habe ich nicht mehr damit gerechnet.

Der Reihe nach.

Journalisten arbeiten wie Detektive. Was immer sich ereignet – es wirft Fragen auf. Wer, was, wann, wo, wie, warum. Informationen sammeln. Fragen. Bewerten. Nachfragen. Recherchieren. Hinterfragen. Prüfen. Nachhaken. Ermitteln. Untersuchen. Interpretieren. Enthüllen. Und wenn es sein muss, noch mal von vorn. So lange, bis eine Nachricht, bis eine Geschichte daraus geworden ist, oder auch nicht.

Mancher Fall lässt sich aufklären, mancher Fall zieht sich endlos, mancher Fall verläuft im Sande.

Es ist ein bisschen wie bei Sherlock Holmes, Philip Marlowe, Hercule Poirot, Miss Marple, James Bond und Moneypenny …

Und wenn du denkst, es geht nichts mehr, hilft vielleicht, vielleicht der Zufall.

So wie diesmal: Wer verbirgt sich hinter dem Kürzel H.M.? Dieser seltsame Unbekannte, der seit Jahren anonym Pamphlete an die Redaktion schickt – und an Leserbriefschreiber, über die er immer wieder wüste Beschimpfungen und Beleidigungen auskübelt. Nervig. Ärgerlich. Mysteriös.

Immer das gleiche Muster: ein Briefumschlag, darin Schnipsel aus der Zeitung, pedantisch aufgeklebt auf ein Din-A4-Blatt, dazu einige mit Kugelschreiber hingesaute freche Zeilen, gezeichnet mit H.M., adressiert an die Redaktion oder direkt an die Leserbriefschreiber.

Die Beweisstücke liegen zuhauf in meiner Asservatenkammer.

Ich habe dem anonymen Krakeeler zwei Kolumnen gewidmet („Warum H.M. nervt“, TV vom 26. September 2015 und „Herrlich herrschaftsfrei“, TV vom 29. Juni 2013) und versucht zu erklären, was solche Typen umtreibt. Er ist ja nicht der einzige, aber einer der hart­näckigsten.

Jetzt ist es vorbei mit seiner anonymen Pöbelei. Weil er zeitgleich zwei Schreiben an die Redaktion gesendet hat, eins als H.M., eins unter seinem richtigen Namen. Die Handschrift: identisch. Das „H“ bei Honecker, das „M“ bei Marx und einige andere markante Buchstabenkringel offenbaren, wer dahintersteckt.

Fall gelöst. Ob J.R. aus W. alias H.M. jetzt aufhört, die Leute zu belästigen? Schau’n mer mal.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Gangster, Spinner und andere Plagen

Mamma mia, Post von einem dieser Pöbe­lanten, was für ein, Pardon, Kotzbrocken. Er schrei(b)t: Zensur! Drecksblatt! Lügenpresse! Und mutmaßt, dass „die Schisser“ vom Volksfreund sich nicht trauen, seine Texte, seine Leserbriefe zu bringen. Weil er die Wahrheit aufdecke, aber „die Schisser“ hätten ja Order von oben …

Ach, die Leier wieder. Also gut, nur Mut: In dieser Zeitung darf jeder seine Meinung sagen.

Die Redaktion passt auf, dass es nicht drunter und drüber geht, dass kein grober Unfug verbreitet wird, dass niemand beleidigt, geschmäht, diskriminiert wird, dass keiner ausrastet, durchdreht, hetzt (etwa gegen Ausländer, Homosexuelle, Andersdenkende).

Manchmal ist es schwierig, die Grenzen zu ziehen. Was für die einen unerträglich ist, tolerieren die anderen. Im Zweifel, trotz des beachtlichen Unterhaltungswerts: Rabauken, Rambos und Radikalinskis, Verirrte, Verwirrte und Verblendete bleiben draußen.

Was und wer gemeint ist? Na, zum Beispiel solche Prachtexemplare, frisch eingetroffen:

Herr D. meldet sich aus Irland per „Priority Aerphost“, er sei auf der Suche nach Mr. X. und dem Pinguin – zwei mutmaßlichen Gangstern, die im ehemaligen Nato-Bunker von Traben-Trarbach mit ihrer Bande krumme Dinger gedreht haben sollen (Drogen, Waffen, Falschgeld, Kinderpornos) und jetzt in U-Haft auf ihren Prozess warten. Er wolle ihnen das Gelände auf dem Mont Royal in Traben-Trarbach abkaufen. Für zwei Millionen. Und so weiter.

Herr K. verkündet, er wisse, wie die Corona-Pandemie in die Welt gekommen sei – als Strafgericht Gottes, weil der Sonntag der falsche Ruhetag ist und der Papst und Donald Trump gegen die Zehn Gebote verstoßen haben und jetzt die letzten sieben Plagen auf die Sünder ausgegossen werden. Und so weiter.

Herr F. ätzt: Die Umvolkung Deutschlands geht weiter […] alles wird totgeschwiegen, was im Sinne Merkels und ihrer Mischpoke nicht sein darf […] Leserverarschung pur […] Hass und Hetze gegen treue, verantwortungsvolle und vaterlandsliebende Bürger […] praktizierter Rassismus von einer Minderheit von machtgeilen Spinnern mit verschlagenen, verlogenen und dreckigen Worten als Kriegswaffe brutal ohne Skrupel eingesetzt. Und so weiter.

Drei Beispiele von vielen. Fortsetzung folgt.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Jetzt also „Kini“? Ach, du Shrek!

Glanz und Gloria: Der bayerische Politiker Markus Söder ist ein heißer Kandidat fürs Kanzleramt. Er sagt dazu nix, er lässt Bilder wirken. Ganz schön schlau.

Unter uns: Ich hätte zu gern Mäuschen gespielt, als die Türen zugingen, ich wäre zu gern drin gewesen im prächtigen Spiegelsaal des prunkvollen Schlosses auf der Herreninsel im Chiemsee. Was der König von Bayern und die preußische K…, ähm, was Herr Söder und Frau Merkel zu besprechen hatten beim Mittagsmahl (Backhendl, Renke, Sommersalat), das waren mutmaßlich die knibbeligsten Fragen der Politik, gewaltige Ideen, irgendetwas Spektakuläres – warum sonst wäre die Chefin der Bundesregierung aus Berlin an den Chiemsee geeilt? Sie hätte, wie sonst auch, eine Kurznachricht schreiben können, telefonieren, eine Video­schalte machen. Muss also richtig wichtig gewesen sein. Hmm.

Erinnert sich wer, um was es ging? Hat jemand etwas gesehen-gehört-gelesen? Kam das in der Berichterstattung vom Hofe vor? Wenn ja, ist es vergessen.

Was bleibt, sind die Bilder der Inszenierung. Die märchenhafte Kulisse. Das Schloss. Der Spiegelsaal. Die Fahrt mit dem Raddampfer, mit der Kutsche. Was bleibt, sind die Wortspielereien, die Metaphern: Sonnenkönig, Kronprinz, Thronfolge. Was für ein Pomp, was für eine Show! All das prägt die Berichterstattung vom Hofe, und die Berichterstattung vom Hofe prägt die Wahrnehmung der Menschen, der Wähler (doch, doch, wir leben in einer Demokratie!).

Markus Söder weiß um die Kraft der Bilder. Er poliert sein Image, er bringt sich in Position, er wartet darauf, dass die Republik ihn ruft – ins Kanzleramt. Dass er (Corona-)Krisenmanager kann, nehmen die Deutschen ihm ab. Jetzt zeigt er lässig, dass er es versteht, Regie zu führen, zu repräsentieren, und Mutti, die gutgelaunte Angela Merkel, findet es gut, findet ihn gut. Seine Botschaft: Seht her, ich meistere alle Herausforderungen.

Der Mann hat sich oft gehäutet, er gab in der Politik den Populisten und den Poltergeist, im Karneval die Monroe, Homer Simpson und Shrek, den tollkühnen Helden. Neuerdings also Landesvater, Regent, ein bisschen „Kini“, wie sie in Bayern sagen.

Ich male mir aus, was los wäre, wenn Malu Dreyer die Bundeskanzlerin einladen würde, um dem rheinland-pfälzischen Kabinett die Leitlinien der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zu erläutern,  nüchtern und sachlich, im Stil Söders – etwa so: Audienz in der Palastaula des Kaisers Konstantin in Trier, römische Gladiatoren, die Spalier stehen, mit dem Neumagener Weinschiff auf der Mosel schippern … ich würde zu gern Mäuschen spielen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur