Zwei + zwei = fünf

Neben Fakten gibt es in unseren postfaktischen Zeiten alternative Fakten. Sagen die Trump-Leute. Wie irre ist das denn?!

Zwei + zwei = vier, das ist Fakt. Alternativer Fakt dann wohl zwei + zwei = fünf. Oder was?!

Das Beispiel ist von George Orwell, der in seinem düsteren Roman 1984 (vollendet 1948, gerade wieder sehr gefragt) einen Überwachungsstaat entwirft, der seine Untertanen mit Gehirnwäsche auf Linie bringt. Winston Smith wird gefoltert, bis er glaubt, dass zwei + zwei = fünf ist. Warum? Um ihm klarzumachen, dass Wahrheit allein das ist, was die Partei verkündet. Wenn die Partei sagt, zwei + zwei = fünf, ist es so. Am Ende weiß Smith nicht mehr, was stimmt. Das Furchtbare, heißt es bei Orwell, war nicht, dass sie einen umbrachten, wenn man anders dachte, sondern dass sie vielleicht recht hatten …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Gefühle

Nachklapp zur Diskussion um das postfaktische Zeitalter (siehe Kolumne vom 10./11. Dezember): Wozu überhaupt solche Kategorien? Solche Schubladen? Solche Etiketten für alles und jedes?

Es ist der Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Es ist der tief in uns Erdlingen verwurzelte Antrieb, das Leben unter Kontrolle zu bekommen. Es ist der Wunsch, das dunkle, geheimnisvolle Universum zu erklären. Ein bisschen wenigstens.

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Postfaktisch

Wir leben im postfaktischen Zeitalter, das erwähnte ich neulich in einer Kolumne.

Nanu, was’n das? Post…?! Wieder so ein Modewort? Ja.

Es beschreibt die Ära nach (lateinisch: post) den Tatsachen (lateinisch: factum). Es meint, dass Stimmungen und Gefühle, Launen und Lügen mehr Einfluss auf die Politik und die Gesellschaft haben als Wahrheiten.

Das hat zu tun mit dem Aufstieg der sozialen Medien als Nachrichtenquelle und dem wachsenden Misstrauen gegenüber den Eliten und dem Establishment. Es ist das Thema der Stunde. Es ist die Stunde der Populisten. Siehe Brexit. Siehe Trump. Siehe Putin.

Manche sagen, dass der Wust von Informationen, der auf uns einprasselt, uns dazu zwingt, auf Kriterien wie Objektivität zu verzichten. Es werde schwieriger, zu überprüfen, was wahr ist und was nicht. Hmm.

Als es darum ging, eine Bezeichnung zu finden für dieses seltsame Nichtwissenwollen, das die digitalen Netzwerke charakterisiert, diese Neigung von Millionen und Abermillionen Menschen, nur das als Fakten zu akzeptieren, was sie ohnehin glauben, brachten Intellektuelle wie Slavoj Zizek und Medienmenschen das postfaktische Zeitalter ins Spiel.

Der Begriff geht zurück auf den Autor Ralph Keyes, auf sein Buch The Post-Truth Era (wörtlich: Das Zeitalter nach der Wahrheit), erschienen 2004. Und wird jetzt wohl richtig populär: Sprachexperten haben postfaktisch  (post-truth) international und ganz aktuell auch in Deutschland zum „Wort des Jahres 2016“ ernannt.

Interessant zu beobachten, wie Politiker sich den Terminus zu eigen machen, etwa die Bundeskanzlerin. Im September, nach der Berlin-Wahl, die ihre CDU vergeigte, sprach Angela Merkel erstmals davon. „Es heißt ja neuerdings“, sagte sie, „wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.“

Sie wirkte unsicher, als sei ihr das irgendwie nicht geheuer. Dann verkündete sie tapfer: „Ich will dem also meinerseits mit einem Gefühl begegnen. Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus dieser zugegeben komplizierten Phase besser herauskommen werden, als wir in diese Phase hineingegangen sind.“

Holla! Früher hörte sich das bei Merkel, egal ob Finanz- oder Griechenland-Chaos, eher so an: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir aus dieser Krise besser herauskommen werden, als wir hineingeraten sind.“ Ohne Sentimentalitäten.

Jetzt also emotional. Die kopfgesteuerte Kanzlerin appelliert plötzlich an Gefühle, zeigt Gefühle oder spricht zumindest darüber. „Ihr müsst mir helfen!“, rief Merkel dieser Tage den Delegierten beim Bundesparteitag der Christdemokraten zu. „Ihr müsst, ihr müsst!“

Ganz klar: Die Frau ist angekommen im postfaktischen Zeitalter. Und ändert ihren Politikstil. Bemerkenswert.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart