Was der Homo digitalis will

Die Menschen sind heutzutage nicht schlechter, als sie früher waren. Nur die Berichterstattung über ihre Taten ist gründlicher geworden. (William Faulkner)

Liebe Leser,

diesmal wird’s philosophisch. Das Wort des US-amerikanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers William Faulkner (1897-1962) leitet hübsch in unser Thema ein: Wallung, Empörung, Erregung öffentlichen Ärgers am Beispiel des Spannungsfeldes von Politik und Medien.

Faulkner bescheinigt den Berichterstattern zu seiner Zeit gründliche Arbeit; heute sagen viele: Was medial auf uns einprasselt, ist vor allem Weiterlesen

Im Schweinsgalopp

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn’s ihm gut geht, und eine, wenn’s ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion …

Mit diesen Sätzen beginnt eine berühmt gewordene Satire von Kurt Tucholsky, der vor achtzig Jahren über seine Zeitgenossen herzog und eine unnachahmliche Charakterstudie lieferte.

Wer sich heutzutage mit der Vermessung des Menschengeschlechts befasst, wühlt erst einmal in Zahlen, Daten, Statistiken. Die Autoren des Weiterlesen

Jenseits der Todeslinie

Wulff weg, Gauck gekürt: Das Ringen um das Amt des Bundespräsidenten hat in den vergangenen Tagen und Wochen die Nachrichten beherrscht.

Mehrere Leser beklagen die mangelnde Aktualität der Tageszeitung. Die Kritik: Obwohl die Kandidatur von Joachim Gauck  bereits am Sonntagabend feststand und eifrig im Fernsehen diskutiert wurde, titelte der Trierische Volksfreund in der Montagausgabe „Schwierige Suche nach neuem Bundespräsidenten“. Wie das?!

Liebe Leser,

vielen Dank für Ihre Mails und Anrufe. Stimmt! Völlig veraltet! Längst überholt! Die Volksfreund-Redakteure haben gepennt! Nein, Spaß beiseite: In einem Teil unserer zwölf Ausgaben war am Montag zu lesen, wer der nächste Bundespräsident werden soll, in einem Teil nicht. Alles eine Frage der Zeit.

Der Nachrichtenstrom versiegt nie. Ständig ereignet sich irgendwo auf der Welt etwas Spannendes. Live-Medien wie Fernsehen, Radio, Internet berichten bei Bedarf rund um die Uhr. Zeitungsmacher stoßen an natürliche Grenzen: Redaktionsschluss und Andruck.

Wenn die Nachrichtenlage sich ändert, nachdem die sogenannte „Deadline“ (Todeslinie) überschritten ist, hilft nur noch eins: die Aktualisierung des Blatts. Davon haben aber nicht alle Leser etwas. Die ersten Exemplare (gedruckt um 20 Uhr) enthalten dann einen anderen Stand als die letzten (gedruckt um 2 Uhr).

Das Beispiel des Präsidenten-Pokers zeigt, wie turbulent und hektisch es mitunter zugeht – und was das für die Zeitungsproduktion bedeutet. Der Sonntag im Ticker, mit Auszügen aus Eilmeldungen der Deutschen Presse-Agentur (dpa):

15:52:10 Uhr, dpa:

(Eil) Union lehnt Gauck als Präsidentenkandidat ab –Koalitionskrach

Berlin (dpa) – Die Union wird anders als ihr Koalitionspartner FDP den SPD-Favoriten Joachim Gauck nicht als Bundespräsidenten-Kandidaten akzeptieren. […]

16:39:08 Uhr, dpa:

(Eil) Spitzengespräch um 20 Uhr im Kanzleramt mit SPD und Grünen

Berlin (dpa) – […] Zwar sei sich die schwarz-gelbe Koalition nicht einig, wen sie favorisiere – die FDP stimmt für den rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck, die Union ist dagegen. Dennoch solle gesprochen werden.

19:30 Uhr, Volksfreund:

Redaktionsschluss. Keine Entscheidung in Sicht. Dicke Luft in der schwarz-gelben Regierung. Die FDP hat sich auf Gauck festgelegt, die Kanzlerin zaudert. Die Druckmaschine läuft an. Ausgabe Gerolstein. Die Schlagzeile spiegelt den Status quo vom frühen Abend: Wulff-Nachfolge spaltet Koalition: FDP für Gauck, Union dagegen.

19:38:33 Uhr, dpa:

(Eil) Koalition wegen Kandidaten-Frage in schwerer Krise

Berlin (dpa) – Die schwarz-gelbe Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist durch den Streit um den künftigen Bundespräsidenten in die tiefste Krise seit ihrem Bestehen gestürzt. Die Koalition sei ernsthaft in Gefahr, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur […]

20:30 Uhr, Volksfreund:

Der Spätdienst-Redakteur sitzt auf glühenden Kohlen. Eine halbe Stunde später als geplant treffen sich die Spitzenpolitiker der Koalition und der Opposition (nur die Linke ist nicht eingeladen). Alle für Gauck, die Kanzlerin zögert. Die Rotationsmaschine rattert. Ausgabe Daun.

20:32:51 Uhr, dpa:

(Eil) Kreise: Union akzeptiert Gauck als Präsidenten-Kandidaten

Berlin (dpa) – Die Union akzeptiert den Ex-DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck nun doch als Bundespräsidenten-Kandidaten. Das meldeten am Abend der Tagesspiegel und das ZDF. Der dpa wurde die Information bestätigt.

21:04:56 Uhr, dpa:

(Eil) Altmaier bestätigt: Gauck gemeinsamer Präsidentenkandidat

Berlin (dpa) – […] „Gauck ist der Beweis, dass es uns ernst war mit gemeinsamem Kandidat. Dank an alle für gute und originelle Vorschläge“, teilte Altmaier am Sonntagabend per Internet-Kurzdienst Twitter mit.

21:15 Uhr, Volksfreund:

Aus Dissens wird Konsens: Gauck macht’s! Auf die offizielle Bestätigung warten, Artikel und Kommentar neu schreiben, Fotos austauschen, Seiten umbauen – in Höchstgeschwindigkeit.

21:19:30 Uhr, dpa:

(Eil) Merkel: Gauck soll Bundespräsident werden

21:19:49 Uhr, dpa:

(Eil) Merkel: Gauck soll neuer Bundespräsident werden

Berlin (dpa) – […] teilte Bundeskanzlerin Merkel (CDU) am Sonntagabend nach Verhandlungen der Spitzen der fünf Parteien im Kanzleramt mit.

21:45 Uhr, Volksfreund:

Seiten eins, zwei, drei aktualisiert. Ein Drittel der Auflage gedruckt, bevor die Gauck-Version fertig ist. Gerolstein, Daun, Bitburg, Prüm, Wittlich – weg. Der Titel in den übrigen Ausgaben: Parteien einig: Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident.

Zum Vergleich die Schlagzeilen anderer Zeitungen in der Andruck-Version und in der überarbeiteten Fassung:

  • Süddeutsche: Union und FDP streiten über Joachim Gauck (Seite-1-Foto: Sambaschule „Dragoes da Real“ aus Rio de Janeiro). Später: Joachim Gauck wird Bundespräsident.
  • Die Welt: Mühsame Suche nach Wulff-Nachfolger (Seite-1-Foto: Otto Rehhagel Trainer in Berlin). Später: Joachim Gauck soll Bundespräsident werden.
  •  Frankfurter Allgemeine: Eklat in der Koalition bei Suche nach Wulff-Nachfolger (Seite-1-Foto: Bundesadler weht vor grauem Himmel). Später: Gauck soll Bundespräsident werden.
  • Bild: Der Präsidenten-Krimi: Fieberhafte Suche nach Wulff-Nachfolger – Riesen-Krach zwischen CDU und FDP – Kanzlerin unter Druck (Seite-1-Foto: Blutige Nasen nach Boxkampf, außerdem ein Nackedei). Später: Gauck wird Präsident.
  • Tageszeitung (taz): Es ist Zeit für eine Frau (Seite-1-Fotos: Köpfe von zehn Kandidatinnen).

Ein aufregender Nachrichten-Tag. Wir lernen: Aktualität ist der zeitliche Abstand zwischen Ereignis und Veröffentlichung. Bei Printmedien: der Redaktionsschluss, der Druck – und nicht der Moment, in dem der Leser die Zeitung in Händen hält. Was sich jenseits der Todeslinie zuträgt, bleibt draußen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

Macht, Medien und Moral

Zur Kredit- und Medienaffäre des Bundespräsidenten melden sich zahlreiche Leser mit Fragen und Kritik. – Auszüge:

Peter Frisch aus Kasel meint: Nur eine Anmerkung zur Hetzjagd auf unseren Bundespräsidenten. In fast allen Medien ist es anscheinend angesagt, sich an der Zerstörung des Menschen Wulff zu beteiligen. Ich finde es schrecklich, dass so einseitig berichtet wird mit hasserfüllten Aussagen der selbst ernannten Moralwächter.

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Hinterm Horizont geht’s weiter

Zwei Zuschriften zur Berichterstattung über die Protestbewegung „Occupy Wall Street“:

Erich Groß aus Trier meint: Bei der täglichen Lektüre des Volksfreunds gibt mir sehr zu denken, dass über die Unruhen in Amerika kein Wort berichtet wird. Dort werden friedliche Demonstranten seit Wochen von den Polizeikräften mit Gasgranaten attackiert und gezielt beschossen. Friedliche Menschen, die nichts weiter tun als für ihr Recht auf ein freies, menschenwürdiges Dasein zu demonstrieren. Und die ganze Welt schaut weg. Es ist schade, dass der Volksfreund sich in diesem Zusammenhang eindeutig auf dem Niveau der Bild-Zeitung bewegt, denn selbst dort schweigt man die Weiterlesen

Alle Jahre wieder

Ulrike Haab aus Rittersdorf schreibt: Seit vielen Jahren bin ich Abonnentin des TV und muss leider sagen, dass ich mich am 24. Dezember über die ganzseitige Ansprache des Bischofs Ackermann geärgert habe. Denn im Rahmen der Religionsfreiheit in Deutschland und auch in der Eifel und im Hunsrück, ja sogar in Trier – ich bin übrigens nichts – hätte ich es sehr begrüßt, wenn auch Vertreter anderer Religionen in der Zeitung zu Wort gekommen wären und man nicht nur der katholischen Kirche so viel Raum gegeben hätte.
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Erklären, erklären, erklären

Erwin Michels aus Retterath schreibt zur Kinder-Nachricht „Was ist Korruption?“ (TV vom 18. November): Liebe Meinungsmacher der Presse, hier gerade die Polizei als Beispiel für Korruption und Bestechlichkeit zu benennen, finde ich mehr als geschmacklos! Gerade von Kindern soll die Polizei als Vorbild, unter anderem von Ehrlichkeit und korrektem Handeln wahrgenommen werden. Diese Vorbildfunktion zu beschädigen, kann und darf nicht Aufgabe der Presse sein.

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Der Tod der Namenlosen

Fritz-Ulrich Hein schreibt per E-Mail zur Berichterstattung über die Bundeswehr in Afghanistan: Wie schaut’s denn aus, hätten die Taliban mit den Tankzügen das Deutsche Camp in die Luft gesprengt?Passend zu dem Artikel habe ich heute in den „Salzburger Nachrichten“ unter folgendem Link ( http://www.salzburg.com/online/nachrichten/weltpolitik/US-Angriff-in-Pakistan-mit-mindestens-47-Tote.html?article=eGMmOI8Vdpac0b0mEqD9V7Hbxz1kCJDZS4WR3k8&img=&text=&mode=& ) lesen können, dass die USA gestern mittels Drohnen ein Taliban-Camp bombardiert haben. Warum haben Sie (der TV) heute darüber nicht berichtet?
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Das Massaker und die Medien

Der Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten hat tagelang die Medien und die öffentliche Diskussion beherrscht. Mehrere TV-Leser merken dazu an: Mal wird der Name des Täters gar nicht genannt, mal abgekürzt, mal komplett ausgeschrieben. Mal wird er auf Fotos unverschlüsselt gezeigt, mal mit einem schwarzen Balken oder digital gepixelt. Nach welchen Kriterien wird hier verfahren?
Stefan Kalsch aus Trier schreibt, dass er im Internet ein verwackeltes Handy-Video gesehen hat, das die letzten Minuten des Amokläufers zeigt: wie er vor einem Autohaus herumläuft, schießt und schließlich tot am Boden liegt. Der gesunde Menschenverstand und der Respekt gebietet es, solch schreckliche Bilder nicht online zu stellen, meint Herr Kalsch: Es gibt Grenzen – auch im Journalismus!

Liebe Leser,
vielen Dank für Ihre Zuschriften. Bei jedem Bericht über Verbrechen, Mord und Totschlag stellt sich die Frage: Was ist erlaubt, was ist verboten? Dürfen die Namen und Bilder von Tätern und Opfern veröffentlicht werden? Journalisten müssen stets sorgfältig abwägen. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht ist ein hohes Gut, es wird aus Artikel eins (Menschenwürde) und Artikel zwei Absatz eins (Handlungsfreiheit) des Grundgesetzes abgeleitet – auch Schwerkriminelle haben einen Anspruch darauf. Sie dürfen zum Beispiel verlangen, dass alte Geschichten nicht Jahre nach einer Verurteilung noch einmal in die Öffentlichkeit gezerrt werden.
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Vorsicht, Hoax!

Josef Wagner aus Perl schreibt zur Finanzkrise: Wie sich die Zeiten doch wiederholen. Aus den Fehlern der vergangenen Generationen haben die nachfolgenden nichts gelernt. Durch Raffgier einzelner Zeitgenossen in allen Nationen, auf Kosten der Allgemeinheit, kommt es zu Krisen, die sich in der Geschichte wiederholen. Zur Weltwirtschaftskrise vor knapp achtzig Jahren schrieb damals der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky einen Text, den er 1930 in der „Weltbühne“ veröffentlichte. Ein wenig Lyrik kann nie schaden:

Wenn die Börsenkurse fallen, regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los, den sie brauchen – echt famos!
(es folgen weitere acht Vierzeiler)

Lieber Herr Wagner,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Das Gedicht ist hübsch, aber es ist nicht von Kurt Tucholsky. Seit einigen Monaten kursieren die Verse im Internet – eine Fälschung, ein sogenannter Hoax (englisch für: Jux, Scherz, Schabernack, auch: Schwindel).

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