Buridans Esel

In heller Aufregung: Von einer Zäsur ist die Rede, von einer anderen Republik, von einem historischen Rückschritt für die deutsche Gesellschaft; das politische System sei auf den Kopf gestellt, der Grundkonsens der Bundesrepublik zerstört – Auszüge aus Pressestimmen zur Bundestagswahl. Eine Zeitenwende? Gar eine Zeit des Umsturzes, Weiterlesen

Rede und Gegenrede

Kann nichts schaden, ab und zu darüber nachzudenken, woher wir kommen, um zu verstehen, warum wir geworden sind, was wir sind.

Dieser Tage fiel mir ein spannendes Dokument der Rechtsgeschichte in die Hände. Vor etwas mehr als fünfzig Jahren hat das Bundesverfassungsgericht im sogenannten Spiegel-Urteil die Aufgaben des Journalismus in der Demokratie umrissen:

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Nur Freund, nicht Feind

Ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin dankbar für Kritik, die Sie, liebe Leser, am Volksfreund oder generell an den Medien äußern. Ich versuche, daraus zu lernen. Und ich verstehe, dass manches, was Journalisten tun (oder nicht tun!), Sie verärgert oder gar Ihr Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Zunft erschüttert. Kein Ding, lassen Sie uns darüber reden.

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Alles. Oder nichts.

Jutta Just aus Trier schreibt: Was in München passierte, ist schlimm. Die Berichterstattung im Fernsehen war beängstigend. Es wurde spekuliert, analysiert, diskutiert und informiert. Es wurden Gerüchte (Stachus) aufgenommen und wieder fallen gelassen. Über Stunden ergab sich nichts Neues. Und darüber hat man immer wieder berichtet. Für mich wurde damit die unüberschaubare Lage immer beängstigender.

 Wäre es nicht besser gewesen, nach den ersten Informationen dem Zuschauer zu erklären, dass, wenn sich Neues ergibt, man sich wieder meldet?

Liebe Frau Just,

Anschlag mit einem Lastwagen in Nizza; Anschlag mit einer Axt in Würzburg, Anschlag mit einer Pistole in München, Anschlag mit einer Machete in Reutlingen, Anschlag mit einem Sprengsatz in Ansbach, Anschlag mit Messern in einer Kirche in der Normandie – viele Tote, viele Verletzte, die Schreckensbilanz weniger Tage.

Ist das jetzt die Apokalypse, wie ein deutsches Magazin posaunt? Gerät die Welt aus den Fugen? Alles schlimmer als je zuvor? Natürlich nicht.

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Von Ameisen und Blattläusen

„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Die Sätze des AfD-Manns Alexander Gauland, vor zwei Wochen von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) verbreitet, haben die Republik in Wallung versetzt und hallen immer noch nach.

Einige Volksfreund-Leser fragen: Wie ist das mit Hintergrundgesprächen zwischen Journalisten und Politikern? Sind die nun vertraulich oder nicht? Ist Gauland von den Medienleuten hereingelegt worden?

Liebe Leser,

ich will nicht nachtreten und auseinanderdröseln, wer wann was zu wem gesagt hat, wie dämlich das gewesen ist, wie enervierend und langweilig das mediale Theater, wie durchschaubar die Rituale der Skandalisierung und Empörung …

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Keine Panik, Leute

Peter Fuchs schreibt: Man bekommt fast das Gefühl, dass gerade ein weltumspannender Krieg tobt. Krisenherde hier, Völkermorde dort, Massaker hüben und Gräueltaten drüben bestimmen das Alltagsgeschehen. Abertausende verlassen ihre Heimat und suchen ihr Heil in der Flucht. Viele verlieren ihr Leben. Andere erreichen erst nach wochenlangen Strapazen das angestrebte Ziel. Nicht überall sind sie willkommen.

Diese Völkerwanderung hinterlässt ihre Spuren. Öfters stellt sich heraus, dass nicht alle Schutzsuchenden wirklich nur Schutz suchen. Manche sind kriminell und verbreiten Angst und Schrecken. Innerhalb der Europäischen Union herrscht Uneinigkeit. Das „Imperium“ bröckelt. 1989 wurde der Mauerfall gefeiert. Heute versucht man, Menschenströme mit Zäunen zu stoppen. Natürlich ist es schwierig, das goldene Mittelmaß zu finden. Weil man nicht absehen kann, wann diese weltumspannende Misere ein Ende hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Spirale der Gewalt sobald als möglich menschlicher Vernunft weicht. Weiterlesen

Es geht wieder los …

Der Pressesprecher einer Partei erkundigt sich, warum der Fall X so und nicht anders in der Zeitung behandelt worden ist.

Der Spitzenfunktionär einer Gewerkschaft holzt in einem Interview gegen die Landesregierung – weil er seine Klientel vertritt, oder weil er für seine Partei, die in der Opposition ist, die Werbetrommel rühren will?

Eine Politikerin legt der Redaktion nahe, demnächst doch bitte schön ausführlich über die von ihr geplanten Podiumsdiskussionen („garantiert keine Parteiveranstaltungen, gaaanz wichtige Sachthemen“) zu berichten. Weiterlesen

Macht und Ohnmacht

Es ist eine Geschichte, die wie keine zweite in diesen Tagen die Menschen in Trier berührt, aufwühlt, nachdenklich macht: Ein Mädchen (16) ist im Norden der Stadt umgebracht worden, an einem Bahndamm. Erstochen mit einem Klappmesser, ihre Leiche verbrannt. Der Täter ist wahrscheinlich der 24-jährige Nachbar. Die Polizei hat ihn festgenommen, er ist geständig, sitzt wegen Totschlags in Untersuchungshaft.

Wo man hinschaut, wo man hinhört, das grausame Geschehen ist gegenwärtig. Es ist das Thema, über das alle reden: auf dem Marktplatz, in der Kneipe, auf dem Schulhof – und im Internet. Unzählige melden sich in sozialen Netzwerken zu Wort, posten, liken, kommentieren, laden Bilder, Filme, Musik hoch.

Ungeachtet der Tragik: Der Fall zeigt beispielhaft, wie sich die mediale Welt verändert, wie die mediale Welt die Gesellschaft und die Politik verändert – und welche Fragen, Verwerfungen und Probleme das aufwirft. Der Reihe nach:

Das Netz trauert. Tausende weinen symbolisch mit der Familie der Getöteten, bekunden ihr Beileid, spenden Trost auf Facebook. Sie produzieren Erinnerungsvideos und platzieren sie auf YouTube. Sie organisieren einen Gedenkmarsch. Wunderbar.

Das Netz kocht.  Du Mörder! … Ich stech dich ab! … Todesstrafe! … Stellt ihn an die Wand! … Hundesohn! … Überlasst ihn für zwei Stunden der Familie, dann kriegt er seine Strafe. – Da reichen fünf Minuten! … Zündet ihn an …

Wut! Aufschrei! Hysterie! Kurz nach dem Gewaltverbrechen wird der Name des Opfers genannt, bald der Name des Verdächtigen. Da hatten ihn die Fahnder gerade geschnappt. Fotos des Opfers, Fotos des mutmaßlichen Täters. Gerüchte, Spekulationen, Anschuldigungen, Aufrufe zur Lynchjustiz, zur Menschenjagd. Widerlich.

Das Netz zweifelt.  Die Polizei ermittelt wegen der Pöbeleien. Die Mehrzahl der Nutzer reagiert besonnen, ruft die Hassprediger zur Ordnung, warnt und mahnt. Es hilft nichts – die eine oder andere Seite muss abgeknipst, der eine oder andere Kommentar gelöscht werden.

Die Meinung ist frei, trotzdem darf nicht alles (öffentlich) gesagt werden. In der neuen Medienwelt ist das nicht anders als in der alten Medienwelt.

Die alte, analoge Medienwelt: Journalisten recherchieren, schreiben auf oder senden, was passiert ist, ordnen es ein, kühlen hitzige Debatten runter. Sie sind, wie das in der Kommunikationsforschung heißt, Gatekeeper (Pförtner, Wächter), die entscheiden, welche Nachricht, welche Information verbreitet wird und welche nicht.

Im Volksfreund, gedruckt und online: Fakten. Keine Namen, gepixelte Fotos des Mädchens (wenn überhaupt), keine Bilder des Beschuldigten. Ähnlich zurückhaltend die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiosender. Stets im Kopf: Presserecht, Persönlichkeitsrecht und, nun ja, Pietät und Respekt und andere angestaubte Tugenden.

Deutlich enthemmter: Boulevardmedien, die Klarnamen bringen, die Bilder der Beteiligten raushauen, die mitunter für Enthüllungen über das Privatleben zahlen, die Familienalben fleddern, die Hinterbliebene im Frühstücksfernsehen vorführen.

Im Zweifel nehmen Bild, RTL & Co. Ärger in Kauf. Entscheidend ist nicht, was erlaubt ist, sondern was es kostet (zum Beispiel einige Tausend Euro bei Verunglimpfung oder Schmähung, falls sich jemand beklagt).

So provozierend, bisweilen zynisch und menschenverachtend diese Spielart des Journalismus sein mag – im Vergleich zu den Exzessen im Internet kommt sie harmlos und gebändigt daher.

Die neue, digitale Medienwelt, besser: Parallelwelt oder Gegenöffentlichkeit:  Wer will, der findet Wege, sich im Internet mitzuteilen. Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, WhatsApp …

Direkt, authentisch, ohne Filter, ohne Tabus.

Kein Gatekeeper in Sicht, nirgends, der auf die Einhaltung moralischer, ethischer, rechtlicher Belange pocht, der dafür sorgt, dass nur geprüfte Informationen verbreitet werden, der Beschimpfungen, Beleidigungen, Bedrohungen aussortiert.

Vorteil der Gegenöffentlichkeit im Netz: Jeder kann, wann immer er will, schwadrosophieren, was immer er will, und den Rest der Menschheit damit beglücken. Das Publizieren, jahrhundertelang ein Privileg der Medienelite, ist längst ein Massenphänomen. Und beschert einen ungeheuren Erkenntnisgewinn (dank Schwarmintelligenz, viele wissen mehr als wenige).

Nachteil der Gegenöffentlichkeit im Netz: Jeder trägt die Verantwortung für das, was er von sich gibt, keine Institution, keine Redaktion greift regulierend ein, niemand schützt vor den Folgen unbedachten Ausposaunens von Dämlichkeiten aller Art. Freiwillige Selbstkontrolle bedeutet, sich zu vergewissern: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden?

Die Generation Internet ist mit der Kommentarfunktion groß geworden und drückt, oft ohne nachzudenken, aufs Knöpfchen. Das Privateste wird sichtbar, der Ton rüder, aggressiver, manchmal bösartig, voller Hetze und Häme. Dann regiert der Mob. Einmal angeworfen, lässt sich die Erregungsmaschine kaum stoppen.

Netz-Versteher sagen, das Gift sei immer schon in den Menschen gewesen; nun sei halt ein Ventil da, aus dem es ungehindert strömen könne.

Netz-Kritiker sagen, dies sei nicht die einzige Erklärung für die Verrohung der Sitten. Sie weisen auf den Fehler im System hin. Weil keine Bremse eingebaut sei, drehe die Erregungsmaschine ständig auf höheren Touren und verpeste mit ihren Abgasen das gesellschaftliche Klima. Sind Netzwerke wie Facebook sozial – oder asozial?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Was der Homo digitalis will

Die Menschen sind heutzutage nicht schlechter, als sie früher waren. Nur die Berichterstattung über ihre Taten ist gründlicher geworden. (William Faulkner)

Liebe Leser,

diesmal wird’s philosophisch. Das Wort des US-amerikanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers William Faulkner (1897-1962) leitet hübsch in unser Thema ein: Wallung, Empörung, Erregung öffentlichen Ärgers am Beispiel des Spannungsfeldes von Politik und Medien.

Faulkner bescheinigt den Berichterstattern zu seiner Zeit gründliche Arbeit; heute sagen viele: Was medial auf uns einprasselt, ist vor allem Weiterlesen