Loki, Smoky und die Neue

Loki! – Ja, Helmut? – Frag mich mal was! – Was denn, Helmut? – Irgendwas. – Weißt du eigentlich, wer der größte Staatsmann in Gottes Schöpfung ist? – Natürlich weiß ich das, Loki. Ich habe Gott schließlich mit der Schöpfung selbst beauftragt …

Ein Auszug aus dem Programm des kultigen Kölner Fernsehkabaretts Mitternachtsspitzen. Jahrelang nahmen die Satire-Spezialisten im Dritten das Traumpaar der Deutschen auf die Schippe: die fabelhaften Schmidts, Helmut und Hannelore, genannt Loki, fast siebzig Jahre verheiratet, ein Herz und eine Seele.

Der knorrige Allesbesserwisser, Lieblingskanzler und Kettenraucher (Spitzname Smoky, gespielt von Uwe Lyko) und die charmante, tadellose, von ihrem Göttergatten angenervte Loki (gespielt von Wilfried Schmickler) im Rededuell, stets mit dem Einstieg Loki! – Ja, Helmut? – Frag mich mal was!

Eine Never-ending-Story, so schien es. Überkandidelte Komik, pralle Pointen. Bis zum Tod von Frau Schmidt, 91, vor knapp zwei Jahren. Sendepause für Loki und Smoky, entschieden die Macher der Mitternachtsspitzen. Der Pietät wegen.

Der Witwer Helmut Schmidt (der echte, nicht Smoky) knarzt und quarzt sich weiter eisern durch die Talkshows. Als Welterklärer, Zwischenrufer, Geburtshelfer für seinen Schachfreund Steinbrück, den er gerne als Regierungschef sähe – der Rat des greisen Weisen ist gefragt, das Volk verehrt den Unbeugsamen.

Nun das. Mitten in die Nachrichten-Routine, in das tägliche Einerlei aus Finanzkrise, Syrienkrieg und Olympiajubel platzt eine People-Nachricht, die selbst die gewöhnlich ungewöhnlich gut informierten Insider überrascht: Helmut Schmidt, 93, hat eine Neue. „Ja“, bestätigt er kurz und knapp in einem Interview mit dem Zeit-Magazin, er sei mit Ruth Loah, Jahrgang 1933, seiner langjährigen Sekretärin und Vertrauten verbandelt.

Was für eine Geschichte! Die Medien stürzen sich darauf, recherchieren das Vorleben der bis dato unbekannten Gefährtin, berichten respektvoll über das späte Glück. Nur einige wenige Lästermäuler erheben ihre Stimme (etwa in der Süddeutschen Zeitung).

Nicht minder hochachtungsvoll fällt das Echo des Publikums aus. „Ist doch wunderbar, dass Herr Schmidt noch einmal jemanden gefunden hat. Einsamkeit ist so schrecklich“, schreibt eine betagte Dame, sie sei hier stellvertretend für viele positive Reaktionen zitiert.

Ein Volksfreund-Leser, der namentlich nicht genannt sein will, fragt kritisch: Warum wühlen Journalisten im Privatleben des alten Mannes herum, das geht doch keinen etwas an!

Lieber Mister X,

egal was Helmut Schmidt denkt, sagt, tut: Es ist von Interesse für die Öffentlichkeit. Er ist das größte lebende Vorbild der Deutschen, haben Meinungsforscher herausgefunden. Als Staatsmann. Als Ehemann. Als Mensch. Er war ewige Zeiten mit Loki zusammen, völlig skandalfrei. Er hat seine Familie für die Medien und in den Medien inszeniert und damit in der Wählergunst gepunktet.

Ganz allgemein: Politiker lassen es menscheln, weil sie sich davon Vorteile versprechen. Sie mimen in Homestorys den treusorgenden Ernährer. Präsentieren fesche Frauen, wohlgeratene Kinder, heile Welt. All das signalisiert: Seht her, ich bin Vorbild, Maßstab. Im Umkehrschluss: Wenn die heile Welt zerbricht, ist auch das ein Thema. Der Absturz des Überfliegers Guttenberg, der Fall des Präsidentendarstellers Wulff, der Seitensprung des vermeintlichen Vorzeige-Familienvaters Seehofer – Medien-Spieler in guten wie in schlechten Zeiten.

Bei Helmut Schmidt dreht es sich nicht um Verfehlungen oder ums Scheitern. Im Gegenteil. Er macht, wieder einmal, alles richtig, altert in Würde und schenkt Millionen Deutschen Hoffnung – mit 93 ist noch lange nicht Schluss!

Ein bisschen kokettiert der verschmitzte Graukopf sogar mit seiner neuen Liebe, verrät bei Maischberger im Ersten das eine oder andere Detail. Nein, er lebe nicht unter einem Dach mit Frau Loah; das würde die Dinge unnötig verkomplizieren. Ja, sie rauche auch. Und: Er plane, mit Ruth eine Kreuzfahrt zum Nordkap zu unternehmen. Entdeckt der allzeit vernünftige Krisenmanager Helmut Schmidt auf seine alten Tage etwa den Romantiker in sich? Ganz Deutschland ist gerührt.

Loki! – Ja, Helmut? – Frag mich mal was! – Was denn, Helmut? – Irgendwas. – Helmut, so ein großer Staatsmann wie du, der muss doch auch große Aufgaben übernehmen, oder nicht? – Selbstverständlich, Loki. Zum Beispiel damals, als ich meinem Freund Henry Kissinger auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote diktiert habe …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart