Marmor, Stein und Eisen

Brücken schlagen zwischen jungen und alten Menschen, erleben, wie sie sich begegnen, wie sie voneinander lernen: Mit diesem Ziel schwärmten Volksfreund-Journalisten in die Region aus – und kehrten zurück mit überraschenden, oft berührenden Geschichten, aufgeschrieben, fotografiert, gefilmt und veröffentlicht in der zehnteiligen Sommerserie „Jung & Alt – versteht sich“.

Moment mal, sagt Herr L. aus Trier, das ist ja alles ganz wunderbar, aber müsste es nicht heißen: Jung & Alt – verstehen sich? Grammatisch korrekt wäre doch der Plural, oder etwa nicht?

Lieber Herr L.,

im Prinzip ja. Es gibt jedoch eine Ausnahme: den Singularis materialis.

Marmor, Stein und Eisen bricht, sang Drafi Deutscher vor fünfzig Jahren. Ein Nummer-eins-Hit. Und eine Zeile, die legendäre Dispute auslöste. Zum Beispiel unter Sprachpuristen. Der Bayerische Rundfunk weigerte sich lange, das Liedchen zu spielen. Wegen der fehlerhaften Grammatik. Marmor, Stein und Eisen brechen, host mi! Plural, nicht Singular! So wird es Schülern aus Bubenreuth, Cadolzburg und Dirlewang eingetrichtert. Dam dam, dam dam.

Was für ein Zores. Heute undenkbar. Zudem unbegründet. Der Singularis materialis (lateinisch: Einzahl in Bezug auf den Gegenstand) ist ein rhetorisches Stilmittel, eine Konstruktion, bei der das Prädikat (bricht) im Singular steht, obwohl zwei oder mehr Subjekte (Marmor, Stein und Eisen) die Pluralform verlangen (brechen). Kommt in der Dichtung vor, in Redewendungen (Da ist Hopfen und Malz verloren), in Gebeten (Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit).

Also: ungewöhnlich, aber statthaft, auch das Motto der Volksfreund-Serie „Jung & Alt – versteht sich“. Künstlerische Freiheit. Der Gedankenstrich sorgt zusätzlich für eine gewisse Doppeldeutigkeit.

P.S.: In der DDR war Marmor, Stein und Eisen bricht in den Sechzigern verboten, weil die Apparatschiks der SED revanchistische Frechheiten heraushörten. Dam dam, dam dam.

P.P.S.: Wenn die Bayern-Grammatiker der Marmor-Stein-und-Eisen-Zeit geahnt hätten, welche Zumutungen ihnen bevorstehen würden, jo mei, da legst di nieder: Popkünstler, die sich Haftbefehl nennen und undefinierbare Slang-Texte rappen wie Chabos wissen wer der Babo ist

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Vier Fälle, tausend Zweifelsfälle

Jutta N. schreibt per E-Mail zur Überschrift des Aufmacher-Artikels vom 29. Januar (Seite eins der Zeitung):

Liebe Volksfreund-Redaktion,
da müht man sich ab, seinen Kindern richtiges Deutsch beizubringen und dann kommt die Tageszeitung mit einer Überschrift auf der Titelseite, in der Singular und Plural durcheinander geschmissen werden. So viel ist klar: Rasen wird teurer und Drängeln wird teurer, aber Rasen und Drängeln werden teurer. Ein wenig mehr Sorgfalt wünscht sich ihre Leserin Jutta N.

Liebe Frau N.,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Die deutsche Sprache kennt zwar nur vier Fälle, dafür aber über tausend Zweifelsfälle, meint Bastian Sick, der Autor des Bestsellers „Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“. Will sagen: fast keine grammatikalische Regel ohne Ausnahme.

Im vorliegenden Fall sind sowohl Singular als auch Plural möglich. „Rasen und Drängeln wird teurer“ ist grammatikalisch genauso richtig wie „Rasen und Drängeln werden teurer“. Es handelt sich um eine „feste Verbindung“. Wenn man sich den Artikel dazu denkt – der in Zeitungs-Überschriften oft weggelassen wird –, liegt die von der TV-Redaktion gewählte Variante nahe: „(Das) Rasen und Drängeln wird teurer“. Doch wie gesagt: Beides ist erlaubt.

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