Macht und Ohnmacht

Es ist eine Geschichte, die wie keine zweite in diesen Tagen die Menschen in Trier berührt, aufwühlt, nachdenklich macht: Ein Mädchen (16) ist im Norden der Stadt umgebracht worden, an einem Bahndamm. Erstochen mit einem Klappmesser, ihre Leiche verbrannt. Der Täter ist wahrscheinlich der 24-jährige Nachbar. Die Polizei hat ihn festgenommen, er ist geständig, sitzt wegen Totschlags in Untersuchungshaft.

Wo man hinschaut, wo man hinhört, das grausame Geschehen ist gegenwärtig. Es ist das Thema, über das alle reden: auf dem Marktplatz, in der Kneipe, auf dem Schulhof – und im Internet. Unzählige melden sich in sozialen Netzwerken zu Wort, posten, liken, kommentieren, laden Bilder, Filme, Musik hoch.

Ungeachtet der Tragik: Der Fall zeigt beispielhaft, wie sich die mediale Welt verändert, wie die mediale Welt die Gesellschaft und die Politik verändert – und welche Fragen, Verwerfungen und Probleme das aufwirft. Der Reihe nach:

Das Netz trauert. Tausende weinen symbolisch mit der Familie der Getöteten, bekunden ihr Beileid, spenden Trost auf Facebook. Sie produzieren Erinnerungsvideos und platzieren sie auf YouTube. Sie organisieren einen Gedenkmarsch. Wunderbar.

Das Netz kocht.  Du Mörder! … Ich stech dich ab! … Todesstrafe! … Stellt ihn an die Wand! … Hundesohn! … Überlasst ihn für zwei Stunden der Familie, dann kriegt er seine Strafe. – Da reichen fünf Minuten! … Zündet ihn an …

Wut! Aufschrei! Hysterie! Kurz nach dem Gewaltverbrechen wird der Name des Opfers genannt, bald der Name des Verdächtigen. Da hatten ihn die Fahnder gerade geschnappt. Fotos des Opfers, Fotos des mutmaßlichen Täters. Gerüchte, Spekulationen, Anschuldigungen, Aufrufe zur Lynchjustiz, zur Menschenjagd. Widerlich.

Das Netz zweifelt.  Die Polizei ermittelt wegen der Pöbeleien. Die Mehrzahl der Nutzer reagiert besonnen, ruft die Hassprediger zur Ordnung, warnt und mahnt. Es hilft nichts – die eine oder andere Seite muss abgeknipst, der eine oder andere Kommentar gelöscht werden.

Die Meinung ist frei, trotzdem darf nicht alles (öffentlich) gesagt werden. In der neuen Medienwelt ist das nicht anders als in der alten Medienwelt.

Die alte, analoge Medienwelt: Journalisten recherchieren, schreiben auf oder senden, was passiert ist, ordnen es ein, kühlen hitzige Debatten runter. Sie sind, wie das in der Kommunikationsforschung heißt, Gatekeeper (Pförtner, Wächter), die entscheiden, welche Nachricht, welche Information verbreitet wird und welche nicht.

Im Volksfreund, gedruckt und online: Fakten. Keine Namen, gepixelte Fotos des Mädchens (wenn überhaupt), keine Bilder des Beschuldigten. Ähnlich zurückhaltend die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiosender. Stets im Kopf: Presserecht, Persönlichkeitsrecht und, nun ja, Pietät und Respekt und andere angestaubte Tugenden.

Deutlich enthemmter: Boulevardmedien, die Klarnamen bringen, die Bilder der Beteiligten raushauen, die mitunter für Enthüllungen über das Privatleben zahlen, die Familienalben fleddern, die Hinterbliebene im Frühstücksfernsehen vorführen.

Im Zweifel nehmen Bild, RTL & Co. Ärger in Kauf. Entscheidend ist nicht, was erlaubt ist, sondern was es kostet (zum Beispiel einige Tausend Euro bei Verunglimpfung oder Schmähung, falls sich jemand beklagt).

So provozierend, bisweilen zynisch und menschenverachtend diese Spielart des Journalismus sein mag – im Vergleich zu den Exzessen im Internet kommt sie harmlos und gebändigt daher.

Die neue, digitale Medienwelt, besser: Parallelwelt oder Gegenöffentlichkeit:  Wer will, der findet Wege, sich im Internet mitzuteilen. Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, WhatsApp …

Direkt, authentisch, ohne Filter, ohne Tabus.

Kein Gatekeeper in Sicht, nirgends, der auf die Einhaltung moralischer, ethischer, rechtlicher Belange pocht, der dafür sorgt, dass nur geprüfte Informationen verbreitet werden, der Beschimpfungen, Beleidigungen, Bedrohungen aussortiert.

Vorteil der Gegenöffentlichkeit im Netz: Jeder kann, wann immer er will, schwadrosophieren, was immer er will, und den Rest der Menschheit damit beglücken. Das Publizieren, jahrhundertelang ein Privileg der Medienelite, ist längst ein Massenphänomen. Und beschert einen ungeheuren Erkenntnisgewinn (dank Schwarmintelligenz, viele wissen mehr als wenige).

Nachteil der Gegenöffentlichkeit im Netz: Jeder trägt die Verantwortung für das, was er von sich gibt, keine Institution, keine Redaktion greift regulierend ein, niemand schützt vor den Folgen unbedachten Ausposaunens von Dämlichkeiten aller Art. Freiwillige Selbstkontrolle bedeutet, sich zu vergewissern: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden?

Die Generation Internet ist mit der Kommentarfunktion groß geworden und drückt, oft ohne nachzudenken, aufs Knöpfchen. Das Privateste wird sichtbar, der Ton rüder, aggressiver, manchmal bösartig, voller Hetze und Häme. Dann regiert der Mob. Einmal angeworfen, lässt sich die Erregungsmaschine kaum stoppen.

Netz-Versteher sagen, das Gift sei immer schon in den Menschen gewesen; nun sei halt ein Ventil da, aus dem es ungehindert strömen könne.

Netz-Kritiker sagen, dies sei nicht die einzige Erklärung für die Verrohung der Sitten. Sie weisen auf den Fehler im System hin. Weil keine Bremse eingebaut sei, drehe die Erregungsmaschine ständig auf höheren Touren und verpeste mit ihren Abgasen das gesellschaftliche Klima. Sind Netzwerke wie Facebook sozial – oder asozial?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Keine Alternative, nirgends

Zum Interview „Wir stehen vor einer neuen Bedrohungslage“ und zum Artikel „Die verbreitete Angst vor den Neuen“ (TV vom 24. November) schreibt …

Erwin Zunker aus Auw an der Kyll: Als langjähriger Abonnent des TV hätte ich mir eine neutrale Berichterstattung bezüglich der AfD gewünscht. Von einem angeblich nicht politikgesteuerten Journalismus erwarte ich jedoch, dass der Veröffentlichung eines Artikels eine anständige Recherche vorausgeht. Weiterlesen

Die dunkle Seite der Macht

Auf der Facebook-Seite des Volksfreunds schlägt Stefan Kalsch vor: Es wäre mal an der Zeit, dass sich der TV darum bemüht, die Flut an unqualifizierten und geradezu erschreckenden Kommentaren im Netz einzudämmen. Wie wäre es, all diese Posts zu sammeln und auf einer extra Seite in der Printausgabe (anonym) zu veröffentlichen? Viele Leser, die sich beispielsweise nicht mit Facebook auseinandersetzen, könnten so erfahren, zu welchen krass menschenverachtenden Kommentaren ein Mensch fähig sein kann. Ich habe nichts gegen öffentlichen Meinungsaustausch, jedoch stehen die Medien in der Verantwortung, das von ihnen veröffentlichte Material weiter zu verfolgen und durch kompetente Internetmoderation so zu begleiten, dass sich die Posts in einem angemessenen Rahmen bewegen.

Lieber Herr Kalsch,

danke, eine gute Anregung. Wir haben es mit einem medialen Dilemma zu tun: Das Netz ist großartig – und grauenvoll zugleich. So viel Wissen, so viel Information – und so viel Hetze, so viel Hass. Der kalifornische Autor Dave Eggers beschreibt in seinem Weiterlesen

Von der Wiege bis zur Bahre

Herr P. aus L. an der Mosel fragt (halb scherzhaft): In letzter Zeit ist ständig von Facebook die Rede. Wenn ich das auf Trierisch ausspreche, hört es sich an wie das Schimpfwort Faozboaken. Sprachhistorisch gibt es wohl keine Verbindung, oder etwa doch?!

Lieber Herr P.,

ein witziger, vielleicht ein bisschen onkelhafter Ansatz. Die Buddhisten glauben ja, dass auf Erden alles mit allem zusammenhängt. Jedoch ausgerechnet ein Maledictum aus der Trierer Mundart und der englische Weiterlesen