Wie das so ist.

Sehr gut, schreibt Leser M., gefalle ihm der journalistische Grundsatz, neutral zu berichten und Distanz zu wahren. Immer mittendrin sein, aber nicht dazugehören. Sich nicht mit einer Sache gemeinmachen, auch nicht mit einer guten Sache. Und so weiter. Er habe jedoch gestutzt, als neulich in einer Talkshow von Betroffenheitsjournalismus die Rede gewesen sei. Was das sei, was das zu bedeuten habe?

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Siebenunddreißig Grad

Es ist normal, dass wir uns für das Normale nicht interessieren. Es ist normal, dass wir uns für das Nicht-Normale interessieren.

„Hund beißt Mann“ ist keine Meldung (allenfalls eine klitzekleine), passiert jeden Tag irgendwo, nichts Besonderes = normal, „Mann beißt Hund“ dagegen ungewöhnlich, unerhört, unerwartet = nicht normal.

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Verirrte Gammler

Niemals nachlassen: Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen, rät Albert Einstein allen, die nach Wissen dürsten. Die Welt dreht sich, dreht sich, dreht sich immer weiter. Drei Dinge, die ich diese Woche gelernt habe, zwei davon belegen den (Sprach)Wandel, das dritte belegt, dass früher nicht alles besser war:

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Es ist noch Suppe da …

In Auswahl und mit bestem Dank einige Reaktionen auf meinen Versuch über die Seeaalsuppe, sensationell! 

Christel Marchand schreibt, sie habe das Forum schmunzelnd gelesen („sensationell!“). Sie entdeckt hübsche Wortakrobatik etwa in der Werbung eines Warenhauses: Sommerstrandlaken, Sommerbettenhighlights, 7Zonen-Hoch-/Tief-Tonnentaschenfederkern. Bemerkenswert die Reklame von Autohändlern mit Vokalhäufungen wie Abblendautomatik, Vier-Zonen-Komfort-Klimaautomatik oder Inzahlungnahmeprämie. Und sie erinnert an das Wortungeheuer Donaudampfschifffahrtskapitänsanwärter.

Rolf Thelen ergänzt die Sammlung schöner Wörter und Buchstabenkonstruktionen („Pattern“) um diese Beispiele: Biobauer (alle Vokale); Lavaabbau (schöne Dopplungen); Erdbeertee (lauter e); Ananassaft (lauter a).

Nach Recherchen von Dieter Rass verdient Italien den Weltrekord – mit einem Wort, das nur einen Konsonanten, aber alle fünf Vokale enthält, zudem kommt jeder Vokal nur einmal vor: aiuole = Blumenbeete. Auch Heinz Kind ist in Bella Italia fündig geworden, er bietet diese Selbstlaut-Kaskade an: il cuoiaio = der Lederbearbeiter (gerben, verkaufen).

Stephan Schneider schreibt, er lese die Kolumne besonders gern, wenn es um Sprachliches geht: „Nicht nur nach der Rechtschreibreform sind Vokalhäufungen auch im Deutschen, wo eher Konsonanten vorherrschen, im Druckbild – siehe Seeaalsuppe – überraschend, wenn auch phonetisch nicht relevant. Meinen Schülern im Ausland, aber auch hier in der Heimat stellte ich manchmal die Frage: Kennt ihr ein einsilbiges deutsches Wort mit vier ,t‘? An die Tafel schrieb ich anschließend: ‚Du trittst‘. Ein Beispiel für unsere ‚harte‘ deutsche Sprache und eine gute Ausspracheübung (nicht nur für Saarländer oder Schwaben).“

Das, lieber Herr Schneider, ist ein gutes Stichwort: raue Konsonanten und wie sie wirken. „Die Auslaender halten die Deutschen, was ihre Sprache betrifft, für grobe brummende Leute, die mit rostigen Worten dahergrummen und mit hartem, blinden Geläute von sich knarren: ja man meinet, die deutsche Sprache hätte nur eintausend Woerter in sich, derer achthundert von Griechen, Hebräern und Lateinern erbettelt und ungefähr zweihundert grobe deutsche Woerter daselbst vorhanden waren.“ Eine Beobachtung des Barockdichters Martin Opitz (1597-1639), die viel über die Wertschätzung der deutschen Sprache aussagt – damals. Heute wimmelt’s im Deutschen von Anglizismen, dagegen liefern Griechen, Hebräer und Lateiner keinen Nachschub mehr für unseren Wortschatz.

P.S.: Aktuell schwimmen die meisten Mitlaute in einer Suppe aus Russland: Borschtsch, laut Duden das einzige einfache (nicht zusammengesetzte oder abgeleitete) deutsche Wort mit acht aufeinanderfolgenden Konsonanten.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ruhe in Frieden, grässlicher Grisli

Und nun, tata-tata, eine äußerst erfreuliche Nachricht. Eine Nachricht, die davon kündet, dass die Welt so schlecht nicht sein kann, wie uns immer weisgemacht wird. Die davon zeugt, dass es Leute gibt, die nichts unversucht lassen, um die Menschheit von Plagen aller Art zu erlösen.

Solch eine unerhörte Leistung ist unlängst einer Gruppe von furchtlosen Wissenschaftlern gelungen. Sie hat uns befreit von einem gewaltigen Ärgernis.

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Das Geld liegt auf’m Platz

Boah, ey! Was für ein Eigentor: Helene singt, und (fast) alle pfeifen. Der Schlagerstar und das Schlagerspiel, vereint in einem Event – das passt, oder? Denkste! Die Helenefischerisierung des Fußballs funktioniert nicht. Ein Rätsel, dem Journalisten tagelang nachspüren, eine Riesenstory, so scheint’s, die zeitweise sogar Donald Trump von Platz eins der Nachrichten-Bundesliga verdrängt.

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Wir. Haben. Keine. Angst.

Yes, we can. Ja, wir schaffen das. Wir sind stark. Wir wehren uns. Wir lassen nicht zu, dass der Terror sich in unsere Gehirne schleicht und unsere Gedanken frisst. Wir lassen nicht zu, dass diese Psychopathen ihr Ziel erreichen: uns zu schockieren, unseren Verstand zu infizieren, uns Angst einzujagen. Wir unterwerfen uns nicht.

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Ja, wenn das so ist …

Es ist eine uralte Geschichte: Der Hohepriester geht allein in den Tempel und bekennt die Sünden des Volkes Israel. Alle. Dann überträgt er das ganze große Paket symbolisch (durch Handauflegen) auf einen Ziegenbock und jagt das Viech in die Wüste – mitsamt allen Sünden. Yipiiieh, rufen die Menschen und fangen von vorn an. Ein Jahr später, am Tag der Versöhnung, dieselbe feierliche Zeremonie. Fehleranalyse. Ziegenbock auswählen. Hand auflegen. Ab in die Wüste. Eine Episode aus dem Alten Testament.

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Rede und Gegenrede

Kann nichts schaden, ab und zu darüber nachzudenken, woher wir kommen, um zu verstehen, warum wir geworden sind, was wir sind.

Dieser Tage fiel mir ein spannendes Dokument der Rechtsgeschichte in die Hände. Vor etwas mehr als fünfzig Jahren hat das Bundesverfassungsgericht im sogenannten Spiegel-Urteil die Aufgaben des Journalismus in der Demokratie umrissen:

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