Esmeralda, Yoda und der Rote Riese

Esmeralda! Wow! Was für ein Name! Esmeralda schreibt mir eine Mail. Sie nennt eine „echte“ (hihi) Adresse auf der Inselgruppe St. Kitts und Nevis, sie sei meine „Freundin“ (hihi), sie verspricht ein „erschreckendes Horoskop“ (oho) und Antworten auf alle Fragen – gratis! Das ist ja’n Ding:

Ich bin Esmeralda, ein echtes Medium und Hellseherin. Ich habe Ihnen höchst wichtige Offenbarungen zu machen. Ich muss Ihnen sagen, was im Moment vor sich geht! Lassen Sie sich von meinen hellseherischen Gaben führen. Die Sterne lügen nie. Es werden sich viele Sachen in Ihrem Leben ereignen. Ich weiß, dass ich Ihnen die richtigen Antworten bieten kann. Nehmen Sie Ihr Schicksal in die Hand und treffen Sie die richtigen Entscheidungen, denn die Zukunft gehört Ihnen! Ich stünde gerne an Ihrer Seite, um Ihnen zu helfen, Sie auf den richtigen Weg zu führen. Klicken Sie hier, ich werde Ihre Zukunft enthüllen […]

Ach, Esmeralda, die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Spökenkiekerei! Nicht mit mir! Und ich klicke garantiert nicht auf die Gratis-Taste. Die Zukunft gibt es nämlich nicht umsonst. So.

Mal im Ernst: Wie geht es weiter? Was steht uns bevor? Jeder will  es wissen, keiner weiß es – auch wenn manche so tun: Hellseher und Propheten, Mahner und Warner, Schwarzmaler und Schreckensmelder, die verkünden, was demnächst angeblich dräut: der Weltuntergang, mindestens.

Das Geschäft mit der Angst brummt. In Zeiten der Verunsicherung wächst die Sehnsucht nach Zeichen und Vorzeichen. Selbst im 21. Jahrhundert funktioniert die Einschüchterungstaktik. Flüchtlingskrise, Finanzkrise, Klimakrise, Glaubenskrise, Zivilisationskrise, Krisenkrise. Ha! Wie die Orakel-Industrie frohlockt! Sie verdient prächtig an der Neugier der Leute. Jeder will wissen, was die Zukunft beschert – schließlich verbringen wir den Rest unseres Lebens in ihr.

Der Wahnsinn hat Methode. Seit Menschengedenken. Auguren beobachten den Flug der Vögel, Haruspexe stochern im Gekröse von Opfertieren, Voodoo-Priester hantieren mit Hühnerknochen. Schaurige Menetekel, Opium des Volkes. Wer sich gruselt, berauscht von nebligen Seher-Dämpfen, bleibt brav im stillen Kämmerlein und pfeift auf die Gedankenfreiheit.

Aufwachen, Leute: „Unmöglich vorherzusagen die Zukunft ist.“ (Yoda, der grüne Gnom mit der ulkigen Satzbau-Technik, im Kultfilm „Star Wars“)

Bringt nichts, die Weissagerei. So viele Prognosen, so viele Nieten!  Zwei allerdings werden eintreffen, so wahr ich diese Zeilen schreibe.

Die erste: In sieben, acht oder neun Milliarden Jahren ist alles vorbei, die Sonne plustert sich zum Roten Riesen auf, bevor sie als Weißer Zwerg erlischt. Und die Erde verdampft. Schluss. Aus. Feierabend.

Die zweite: Ich mache Urlaub. Jetzt. Sofort. Bin dann mal weg, bis Weihnachten. Melde mich zurück, bevor die Sonne stirbt, versprochen. Bis dahin eine gute Zeit!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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