Einhörner, Werwölfe und Medienfuzzis

Tja. Die Sache ist tragisch. Und komisch. Irgendwie tragikomisch. Die armen Verschwörungstheoretiker … sie finden keine Ruhe, sie geben keine Ruhe.

William Shakespeare (1564-1616) hat im König Lear gedichtet, es sei die „Seuche dieser Zeit, dass Verrückte Blinde führen“. Wie konnte der Mann das ahnen, vor vierhundert Jahren? Beschreibt perfekt das Jetzt!

Es kracht an allen Ecken und Enden, nichts ist mehr, wie es war, und niemand hat einen Plan zur Rettung der Welt. Unerhörte Veränderungen, unfassbare Vorgänge, die verunsichern, verwirren, stressen.

Krise! Viele Menschen glauben, dass die alten Autoritäten abgewirtschaftet haben. Sie suchen nach neuen, unverbrauchten Erklärungen und Denksystemen. Oder basteln sie sich gleich selbst.

Etwa so: Die Regierung betuppt uns, große Konzerne unterjochen uns, die Medienfuzzis sind „von oben“ gesteuert, „kleine Untertanen der Obrigkeit“, wie mir dieser Tage jemand schrieb, und vertuschen, was wirklich passiert. Schwuppdiwupp, fertig ist die Verschwörungstheorie. Auf die neuesten Fundstücke, die mich erreicht haben, will ich gar nicht eingehen. Wäre sinnlos. Weil Verschwörungstheoretiker jedes (Gegen-)Argument als Teil der Verschwörung begreifen.

Stattdessen ein anderer Gedanke, den ich bei dem Gelehrten David Christian, Autor der brillanten Big History, entdeckt habe: „Zur Zeit Shakespeares glaubten selbst die gebildeten Europäer im Allgemeinen an Magie und Zauberei, an Werwölfe und Einhörner. Sie waren davon überzeugt, dass die Erde stillstehe und die Himmelskörper sich um sie drehten, dass Kometen Vorboten des Bösen seien […], und sie glaubten, dass die Odyssee eine wahre Geschichte sei.“ Dann das Zeitalter der Aufklärung, anderthalb Jahrhunderte später: „Zu Lebzeiten Voltaires hatte sich die Vorstellung gebildeter Europäer gründlich verändert. Viele lasen über naturwissenschaftliche Versuche […], sie hielten Newton für den größten Wissenschaftler, sie wussten, dass die Erde die Sonne umkreist, und sie dachten nicht daran, schwarze Magie, die Geschehnisse, die in alten Sagen überliefert wurden, die Geschichten über Einhörner und die (meisten) Berichte über Wunder ernst zu nehmen.“

Und heute? Die Verschwörungstheoretiker munkeln, dass geheimnisvolle Mächte oder fiese Finsterlinge ein Komplott nach dem anderen schmieden, um „das Volk“ dumm zu halten und die Herrschaft an sich zu reißen …

Was für ein Mumpitz! Ohne mich, Freunde. Es lebe die Aufklärung!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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