Lang, länger, Nilpferd

Anmerkung zur deutschen Sprache, die soundsovielte. Ja, sie ist ein Schatz. Ja, sie steckt voller Wunder, voller Überraschungen, voller Merkwürdigkeiten. Ja, es ist fantastisch, wie Wörter entstehen, Wörter vergehen, Wörter ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren und sich eine neue zulegen.

Ein hübsches Beispiel hat Leser Eberhard Hoos neulich im Volksfreund entdeckt: „Trier verscheucht den Pleitegeier“, hieß es in einem Text. Das sei schön, schreibt Herr Hoos, „wiewohl der ,Pleitegeier’ nicht der Vogelkunde zuzuordnen ist. ,Plejte’ stammt aus dem Jiddischen und bedeutet ,Flucht’, und ein ,Gejer’ ist ein ,Geher’. Ein ,Plejte Gejer’ ist also eine Person, die vor ihren Gläubigern flieht.“

Wohl wahr: Der Pleitegeier ist eine umgangssprachliche Verballhornung des Pleitegehers – Sinnbild des Bankrotts, dem Kuckuck des Gerichtsvollziehers artverwandt. Der eine kreist, der andere klebt.

O du wunderbare, überraschende, merkwürdige Wortkunst!

Klärlich (klar), dass in früheren Denkzeiten (Epochen) manches bräuchlich (gebräuchlich) war, wofür sich in Künftigkeit (Zukunft) wohl jeder Zungenheld (Maulheld) verfuchsschwänzen (verleumden) ließe. Sintemal (weil) selbiger erkennen müsste, dass erkennen dunnemals beischlafen meinte, was dannenhero (daher) rührt, dass … halt, stopp, für diesmal genug der Spracharchäologie.

Wechsel zur Heilkunde: Es gibt Menschen, die Angst vor langen Wörtern haben. Sie haben Angst, lange Wörter zu lesen, zu schreiben, zu verwenden. Wörter wie Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Oder Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsanwärter. Oder Hottentottenpotentatentantenattentäter. Solche Bandwurmwörter verursachen Angststörungen. Fachbegriff: Sesquipedalophobie (englisch sesquipedalian = schwülstig, vielsilbig + griechisch phobos = Angst).

Witzbolde haben das ironisch gesteigert und die Hippopotomonstrosesquipedalophobie erfunden (englisch hippopotamus = Nilpferd + lateinisch monstrum + der Rest siehe oben).

Mein Wortungeheuererfinderfavoritallerzeitenvonanbeginnbisheuteundinewigkeit ist James Joyce, der im Ulysses eine Figur mit Namen Kriegfried Überallgemein präsentiert, von  Beruf: Nationalgymnasiummuseumsana­toriumundsuspensoriumsordentli­cherprivatdozentfürallgemeine­geschichtespezialprofessordoktor.

Noch Fragen? Nö. Und: tschö!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur