Die Nase des Kaisers

Ließe sich sagen, was kommt, würde jedem klar sein, wie es laufen müsste. Sollte so sein, könnte so sein, vielleicht, denn – je nachdem, was wäre, wenn …

Fällt Ihnen das auch auf, liebe Leser? Hätte, hätte, Fahrradkette!

Ein Gutteil der Nachrichten, die uns umschwirren, sind irgendwie gar keine. Jedenfalls keine, die von harten Fakten künden. Weil das, was berichtet wird, im Konjunktiv steht. Es handelt sich um: die Möglichkeit einer Nachricht.

Jemand meint, munkelt, vermutet, ahnt, spekuliert, deutet, fordert, behauptet, fühlt …, dass demnächst dieses oder jenes geschieht.

Wenn die CSU nach der vergurkten Bayern-Wahl die Kurve kriegen will, müsste Parteichef Seehofer abtreten. Wenn Merkel nicht endlich durchgreift, dürfte sie nicht mehr lange Bundeskanzlerin sein. Wenn Jogi Löw nicht bald Siege liefert, sollten die DFB-Bosse ihn rauswerfen. Und so weiter.

Was für ein Gesumse und Gebrumme und Geschnatter. Millionen und Abermillionen Menschen wieseln umher, produzieren Meinungen, Munkeleien, Vermutungen, Ahnungen, Spekulationen, Deutungen, Forderungen, Behauptungen, Gefühle …, die sie über  verschiedenste Kanäle verbreiten.

Und, dient dies alles nun der Wahrheitsfindung?

Der legendäre Physiker Richard Feynman fragt in einem seiner Bücher (vor dem Internet-Zeitalter), wie man den Wert einer Information/Nachricht erkennt: dadurch, dass man sie sich selbst sorgfältig ansieht, oder dadurch, dass man die Berichte von vielen Leuten nimmt, die sie sich oberflächlich angeguckt haben? Er gibt die Antwort in Form eines Gleichnisses:

Niemandem war es gestattet, den Kaiser von China zu sehen. Es stellte sich aber die Frage: Wie lang ist die Nase des Kaisers von China? Um das herauszufinden, geht man durchs ganze Land und fragt die Leute, wie lang ihrer Meinung nach die Nase des Kaisers von China ist, und aus den Antworten bildet man den Durchschnitt. Und das Resultat wäre sehr „genau“, weil man ja die Antworten von so vielen Leuten berücksichtigt hat. Natürlich kann man auf diese Weise überhaupt nichts herausfinden; wenn sehr viele Leute Antworten geben, ohne sich die Sache sorgfältig anzusehen, verbessert man sein Wissen von der Situation nicht dadurch, dass man den Durchschnitt ermittelt.

Ich denke öfters an diese Feynman-Anekdote, wenn ich höre-sehe-lese, dass im Medienzirkus mal wieder spekuliert wird, ob es möglich wäre, dass jemand nicht mehr könnte, wie er wollte …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur