Stopp, Siri! Stopp, Alexa!

Bravo! Das ist ja ’n Ding. Endlich lobt mich mal einer. Sie sind brillant! Geht runter wie Vanillepudding und geölter Ozelot. Brillant! Ha, ich wusste es. Aber warte mal, wofür lobt der mich? Da steht: Sie lesen etwas! Och. Lesen. Nichts Besonderes. Oder doch?

Kleiner Scherz, liebe Leute. Es handelt sich um den Spruch auf einem Lesezeichen, beigelegt einem Roman, den ich neulich gekauft habe (in einer Buchhandlung, analog). Immerhin, der Spruch regt zum Nachdenken an: Sie sind brillant! Sie lesen etwas! Das bedeutet: Wer liest, ist brillant. Was jemand liest, ist egal. Hauptsache: etwas. Muss nicht Shakespeare sein oder James Joyce, muss nicht Romeo und Julia sein oder Ulysses. Etwas.

Lesen ist die schönste Kulturtechnik, Lesen ist die wichtigste Kulturtechnik, Lesen macht schlau, Lesen macht Spaß … aber irgendwie verändert sich gerade alles. Die Schmeichelei auf dem Lesezeichen verweist auf grundstürzende Entwicklungen, auf die digitale Revolution, und sie ist als Appell zu verstehen: Es ist lebensnotwendig, zu lesen, bitte tu es, sei brillant, lies dicke Schmöker auf Papier, lies schlaue Zeitungskolumnen, lies Whatsapp-Nachrichten auf dem Smartphone, lies was auch immer – Hauptsache: du liest!

Sapperlot, ist es ums Lesen im Land der Dichter und Denker so schlimm bestellt? Dräut der Analphabeten-Gau, wie Bildungs­katastrophenherbeireder raunen? Ach was. „Fast 85 Prozent der Erwachsenen in Deutschland halten es für ebenso wichtig oder noch wichtiger als vor 20 Jahren, gut lesen zu können“, verkündet die Stiftung Lesen. „Menschen unter 30 Jahren lesen vor allem E-Mails und Textnachrichten sowie Internettexte, während bei Menschen über 60 Jahren insbesondere Zeitungen und Zeitschriften hoch im Kurs stehen.“

Hört, hört, liebe Kulturpessimisten: Junge Menschen schreiben mehr als früher (okay, sie whats­appen, posten, tweeten, und das oft in dudenferner Orthografie), und junge Menschen lesen mehr als früher (halt anders als die Altvorderen).

Eine Momentaufnahme. Wie wir kommunizieren, wandelt sich – mit jedem Technologie-Sprung rasanter. Texte tippen? Bald vorbei. Wir sprechen jetzt mit Maschinen wie Siri oder Alexa. Die Maschinen lesen uns Texte vor. Sie hauchen: Du bist brillant! Du … Stopp, Siri! Stopp, Alexa!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur