Am Ende drei Pünktchen

Ach, mal wieder anonyme Post. Ach, mal wieder jemand, der sich über „geistigen Dünnschiss“ in der Zeitung aufregt und ein Häuflein, nein, einen Haufen ausgeschnippelter Artikel und Kommentare beifügt, allesamt von Hand beschriftet: „Scheiße“ steht drauf, „Kacke“ oder „Mist“. Ein analoger Shitstorm …

Mindestens merkwürdig, wenn nicht pathologisch, diese Sammelei, diese offenkundige Lust am Unflätigen, diese anscheinend zwanghafte Neigung, sich Erleichterung zu verschaffen. Und typisch deutsch.

Wie bitte?! Ja. Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, der „deutsche Nationalcharakter“ sei, ähem, anal geprägt. Sprichwörter, Redensarten, Volkslieder stünden ebenso wie Werke der Dichter und Denker von Luther über Goethe bis Grass in „skatologischer Tradition“, doziert der amerikanische Anthropologe Alan Dundes in seiner Studie „Life is Like a Chicken Coop Ladder: A Portrait of German Culture Through Folklore“ (auf Deutsch: „Sie mich auch!“), veröffentlicht vor gut dreißig Jahren.

Skatologisch? Hat nix mit Skatspielen zu tun, sondern kommt von dem griechischen Wort für Kot und  bezeichnet eine Vorliebe für anale Ausdrücke. Dundes’ Diagnose: Wo der Brite gotteslästerlich flucht oder sexuelle Verwünschungen ausstößt („fucking“), fällt dem Deutschen nur Anal-Schelte („Scheißkerl“) ein.

Holy shit! Fäkalsprache von Feingeistern? Durchaus. Hans Magnus Enzensberger hat ein Gedicht über „Die Scheiße“ (1964) verfasst: „Immerzu höre ich von ihr reden / Als wäre sie an allem schuld. […]“

Wütend, traurig, böse, die Sprache absichtlich demolierend, braddelt der großartige Wortkünstler Ernst Jandl in „Von Zeiten“ (1977): „sein das heuten tag sein es ein scheißen tag / sein das gestern tag sein es gewesen ein scheißen tag ebenfalz / kommen das morgen tag sein es werden ein scheißen tag ebenfalz / und so es sein aufbauen sich der scheißen woch / und aus dem scheißen woch […] etten zetteren […] so es sein aufbauen sich der scheißen leben / schrittenweizen hären von den geburten / und sein es doch wahrlich zum tot-scheißen“.

Genug Lyrik, genug Folklore. Jetzt umwölken wir das schlimme Wort wieder, wie wir es in unserer Qualitätszeitung sonst auch (meistens) tun, mit drei Pünktchen: Sch…

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

2 Gedanken zu „Am Ende drei Pünktchen

  1. Lieber Peter Reinhart,

    nachdem wir nach Ihrem so göttlich treffend verfassten Artikel „Pathologische Pöbleritis“im Forum (Folge 530) einmal tatsächlich – erstmals! – keine Briefpost mehr von „unserer Anhängerin“ bekamen (der Schrift nach vermutlich eine „Dame“), erhielten wir nach dem letzten Leserbrief zu Cattenom am vergangenen Samstag tatsächlich wieder Post: dieses Mal aber erst verspätet am Freitag nach fast einer Woche – nach offensichtlicher Grübelei soll ich?/ soll ich lieber nicht? (wohl nach Ihrem o.g. Artikel, hihi), wogegen die anderen Briefe verlässlich direkt und schnellstmöglich nach den veröffentlichten Leserbriefen ankamen, so schnell der Postweg eben hergibt.
    Ich (wir) danke(n) Ihnen für diesen heutigen treffenden Kommentar in Forum 542 zur offenkundigen Lust am Unflätigen …zwangshaften Neigung, sich Erleichterung zu verschaffen, zu „anal geprägtem Nationalcharakter“. Herrlich treffend von Ihnen, diese „so einfach gestrickten“ Menschen zu beschreiben…
    DANKE!

    Ganz herzliche Grüße
    Ihre Annette Müller

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