Zweierlei Gulden, dreierlei Taler

Es ist an der Zeit, mal wieder nach dem Fortschritt zu schauen. Sie wissen schon, dieses Ding, das wir im Kleinklein des Alltags leicht übersehen, weil es langsam kriecht wie eine Schnecke. Das wir für eine Illusion halten, weil es im Lärm der schlechten Nachrichten, der uns umtost, kaum auffällt. Das wir vergessen angesichts des Mahnens und Warnens der Schwarzmaler und Schreckensmelder, die unablässig Schlimmes verkünden: Klimakatastrophe! Terror! Krieg! Dieselkrise! Abendmahlstreit! Insektensterben! Brrr!

Geht es überhaupt voran mit der Menschheit? Oh ja. Alles in allem: Sie bewegt sich, die Schnecke.

Zwei Beispiele, nicht ganz zufällig gewählt. Eines dreht sich ums Geld, das andere um die Freiheit.

Als Karl Marx vor hundertfünfzig Jahren „Das Kapital“ schreibt, ist die Welt eine andere. Englisches Geld, englisches Maß, englisches Gewicht – das sind die Marx’schen Kategorien. Warum? Sein Kumpel Friedrich Engels erläutert es 1883 so: „Als die erste Auflage erschien, gab es in Deutschland so viel Arten von Maß und Gewicht wie Tage im Jahr, dazu zweierlei Mark, zweierlei Gulden und mindestens dreierlei Taler, darunter einer, dessen Einheit das ,neue Zweidrittel’ war. In der Naturwissenschaft herrschte metrisches, auf dem Weltmarkt englisches Maß und Gewicht. Unter solchen Umständen waren englische Maßeinheiten selbstverständlich für ein Buch, das seine tatsächlichen Belege fast ausschließlich aus englischen industriellen Verhältnissen zu nehmen genötigt war.“

Fortschritt? Oh ja (ungeachtet aller Macken des Euro).

Als Karl Marx vor hundertsiebzig Jahren das „Kommunistische Manifest“ schreibt, ist die Welt eine andere. Er schreibt’s im Exil. Weil die Presse im Deutschen Bund, zumal in Preußen, drangsaliert wird. Weil die Meinung nicht frei ist. Stattdessen: Zensur und Repressalien, die Marx und andere Journalisten, Denker und Schriftsteller mundtot gemacht und aus dem Land gejagt haben. „Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde geworden“, erklärt Marx nach dem Verbot der Rheinischen Zeitung 1843. Und fügt ironisch hinzu: „Also die Regierung hat mich in Freiheit gesetzt.“

Fortschritt? Oh ja. Wir Journalisten dürfen es, und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dürfen es auch: Ihre Meinung sagen. Zum Beispiel in dieser unabhängigen Zeitung.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur