Ein Irrenhaus voller Idioten

Im Grundgesetz, Artikel 5, steht: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten …

Hans-Albert Krämer aus Trier hakt nach: Seit Wochen versuche ich, einen Leserbrief zu schreiben. Ich finde es unabdingbar, mehr Schärfe in meine Formulierungen zu bringen, weiß aber nicht, wie weit ich gehen darf. Freie Meinungsäußerung okay, Satire oder Beleidigung?! Wo ist hier die Grenze, wo wird sie überschritten, oder ist Satire dem Leserbriefschreiber untersagt? Wer ordnet das ein? Ist Satire nur dem Büttenredner im Karneval, der Heute-Show im ZDF, dem Kabarettisten Dieter Nuhr et cetera erlaubt? Persönliche Beleidigungen schließe ich aus, aber im TV ist vieles grenzwertig, und deshalb bitte ich Sie, mir auf die Sprünge zu helfen.

Lieber Herr Krämer,

gute Frage, schwierige Antwort: Die Meinung ist frei, wer will, der kann, gerne scharf oder satirisch – solange das Gesetz nicht verletzt wird. Beispiel: Wenn Sie schreiben, dass die Welt ein Irrenhaus voller Idioten ist, wird wohl niemand Sie deswegen verklagen. Wenn Sie dagegen schreiben, Politiker XYZ sei ein Idiot und gehöre in ein Irrenhaus eingesperrt, kann das teuer werden, weil beleidigend. Vorsicht bei Äußerungen, die – so definieren es Juristen – ohne sachlichen Grund nur dazu dienen, den Betroffenen herabzuwürdigen. Jedoch: Nicht jede ungerechtfertigte oder überzogene Kritik ist eine Beleidigung. Es kommt auf den Zusammenhang an. Heikel wird es bei: Diffamierung, Verleumdung, Volksverhetzung, Rassismus, Diskriminierung, Verstößen gegen Sittlichkeit und Anstand oder übermäßiger Kritik an den Repräsentanten des Staates, vom Bundespräsidenten bis zum einfachen Beamten.

Ein „Idiot“, dem Polizisten bei der Verkehrskontrolle zugerufen, kostet 1500 Euro. Wer den Stinkefinger zeigt, ist mit 4000 Euro dabei. Dagegen ist der „Idiot“ in einem Leserbrief womöglich erlaubt, und vermutlich dürften Sie schreiben, dass Sie Politiker XYZ am liebsten den Stinkefinger zeigen würden. Wie gesagt: Es kommt darauf an.

Um die Leser (vor sich selbst) zu schützen, streicht die Redaktion allzu waghalsige Formulierungen. Im Zweifel ist weniger mehr.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur