Bohei um Wu wei und Macho-Gene

Es ist, wie es ist, oberflächlich betrachtet, schreibt ein bekennender Esoteriker zur Kolumne von neulich über die Petrolheads: Die Leute rasen durch die Gegend und denken nicht nach. Oder sie werden beim Rasen erwischt und regen sich auf und denken nicht nach. Oder sie regen sich über diejenigen auf, die durch die Gegend rasen und denken nicht nach.

Das Ding sei aber doch: Der Autowahn der Deutschen müsse spirituell analysiert werden. Allein weil „Auto“ auf Deutsch „Selbst“ bedeute, weil das Auto ein Spiegel unserer inneren Welt sei, unseres Selbstverständnisses.

Oha!

Der Esoteriker erklärt es an einem Beispiel: Wer ein Auto mit Gangschaltung fährt, ist der aktive Typ, der alles anpackt, der sein Leben selbst in die Hand nimmt. Wer ein Auto mit Automatik fährt, ist der passive Typ, der sich treiben lässt und dem Wu wei anhängt, dem Tun durch Nicht-Tun.

Und so weiter: Anlasser kaputt – Mensch hat Probleme. Auspuff qualmt – Mensch sondert giftiges Zeug ab. Rückspiegel defekt – Mensch will eigene Vergangenheit nicht mehr sehen …

Okay. Irgendeine Beziehung zum Auto hat jeder. Die einen brauchen ein Vehikel, um von A nach B zu kommen. Die anderen stellen ihren Lebensstil zur Schau. Seht her, ich habe Geld. Seht her, ich habe kein Geld. Wieder andere fahren auf Design und Technik ab. Manche motzen ihr Gefährt auf, manche legen es tiefer (mal den Esoteriker fragen, was das zu bedeuten hat).

Auto = Alltagsgegenstand, Auto = Statussymbol, Auto = Sehnsuchtsobjekt, Auto = Hasskiste, Auto = Spaßmobil, Auto = allgegenwärtig. Deshalb befassen sich die Medien ja auch so ausgiebig damit. In allen Ressorts. Politik, Wirtschaft, Verbraucher, Kultur, Sport, Gesellschaft, Wissenschaft, Kriminalität. Und es scheint, dass es nichts gibt, was es nicht gibt – bis zur aktuellen Empörung über die Affenschande der Konzerne.

Halt! Stopp! Er wisse, warum es ist, wie es ist, sagt der bestsellernde Historiker Yuval Noah Harari („Homo Deus“): „Warum fahren junge Männer rücksichtslos Auto, warum zetteln sie Schlägereien an und warum hacken sie vertrauliche Internetseiten? Weil sie alten genetischen Anweisungen folgen, die heute möglicherweise nutzlos oder sogar kontraproduktiv sind, aber vor 70 000 Jahren evolutionstechnisch durchaus sinnvoll waren. Ein junger Jäger, der bei der Jagd auf ein Mammut sein Leben riskierte, überstrahlte all seine Konkurrenten und sicherte sich die Gunst der Stammesschönheit, und wir haben jetzt seine Macho-Gene am Hals.“

Und nun? Die digitale Revolution ist in vollem Gange, ein neues Zeitalter bricht an, auch in der Mobilität. Selbstfahrende Autos, alles öko, alles automatisch. Keine Unfälle mehr, keine Staus mehr. Niemand zu schnell, niemand zu langsam. Was wird aus den aktiven Menschen, wenn der Schaltknüppel weg ist? Was wird aus den Blitzern? Was wird aus den Machos? Was wird aus den Esoterikern? Fragen über Fragen …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur