Zwischen Himmel und Erde

Rhabarber, Rhabarber, Rhabarber … und er küsste sie auf den … Fortsetzung folgt. So endete die Folge 520 dieser Kolumne, und Sie, liebe Leser, wollen jetzt erfahren, wohin er sie küsste. Weil diese neue Folge, die 521, ja die Fortsetzung der 520 ist. Nun, ich weiß nicht, wohin er sie küsste. Es war nie meine Absicht, es Ihnen zu verraten (selbst wenn ich es wüsste).

Enttäuscht? Nicht doch. Ich will  Sie bloß neugierig machen, Ihre Aufmerksamkeit fangen, Ihnen zeigen, mit welchen dramaturgischen Tricks und Kniffen Journalisten, Schriftsteller oder Drehbuchautoren arbeiten, um Spannung aufzubauen, zu steigern, das Publikum zu fesseln. Der Kuss-Satz ist ein wunderbares Beispiel dafür. Solche Teaser (von englisch: tease = necken, reizen) deuten an, reißen an, verraten aber nicht alles. Sie werden auch als Cliffhanger bezeichnet. Wörtlich übersetzt: Klippenhänger.

Merkwürdiger Begriff, oder? Er  stammt aus dem Roman „Blaue Augen“ („A Pair of Blue Eyes“) von Thomas Hardy, veröffentlicht 1873 als monatliche Serie in der Zeitschrift Tinsley’s Magazine. Die berühmte Szene: Henry Knight, angehender Liebhaber einer Pfarrerstochter, stürzt über eine Klippe an der Steilküste von Südengland, hält sich an einem Grasbüschel fest, den Tod vor Augen. Unter sich die Felsen und das Meer. Da hängt er zwischen Himmel und Erde. Und hängt. Und hängt. Bis zur nächsten Ausgabe des Magazins, einen Monat lang. Der Kunstgriff: Am spannendsten Punkt bricht die Handlung ab. Wird Henry Knight gerettet? Wenn ja, wie? Welche Qualen leidet er? Oder kommt es gar zum Schlimmsten?

Der Cliffhanger ist ein äußerst populäres Erzählmuster. Funktioniert immer. In Kinofilmen. In Fernsehserien. In der Literatur. Und im Nachrichtengeschäft, in Zeitungen, Zeitschriften, im Internet – klick, klick, klick. Cliffhanger, manchmal bis zum Überdruss. Warum zieht die Masche so doll? Weil sie mit der Psyche spielt. Der Mensch erinnert sich an unterbrochene Handlungen besser als an vollendete. Hat die russische Psychologin Bljuma Wulfowna Zeigarnik 1927 herausgefunden. Nach ihr ist der Zeigarnik-Effekt benannt. Was der mit dem Ovsiankina-Effekt zu tun hat, erzähle ich ein anderes Mal. Vielleicht. Wenn ich nicht von einer Klippe falle. Oder so.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur