Demnächst in diesem Theater

Aufgeblättert, umgeblättert: Leser Hartmut Schrör aus Langsur hat unter der Betreffzeile „Warum die Zeitung manchmal nervt“ einige  Überschriften analysiert:

Seit Jahren fallen mir beim Lesen des TV und vieler anderer Medien Stilmittel in den Überschriften auf, die mich zunehmend stören. Eins davon nervt besonders.
Erstens sind da die zahllosen Wieso-Weshalb-Warum-Überschriften, die ich auch als Sesamstraße-Überschriften bezeichne. Immer mehr Artikel werden mit Fragewörtern überschrieben, neulich zum Beispiel „Warum der Trierer Bischof Ackermann eine Textänderung im Gebet ablehnt“. Ich bin mir sicher, vor einigen Jahren wären solche Überschriften in der schreibenden Zunft verpönt gewesen. Zu Recht, denn ich finde sie genauso nervig wie ungeschickt. Sicher sollen sie zum Lesen des Artikels anregen, aber der Kern der Information ist doch eigentlich das, was man in einer Überschrift sucht: „Trierer Bischof Ackermann lehnt eine Textänderung im Gebet ab“. Dass es Gründe gibt, die vielleicht im Artikel erwähnt werden, kann man sich schon denken.
Was mich besonders stört, ist die häufige Praxis, in der Unterüberschrift (oder nennt man das subheadline?) Teilinformationen zu geben, die eigentlich nicht der Information dienen, sondern den Leser zum Lesen des Artikels anregen sollen. Beispiel  dieser Tage in einem Aufmacher über die Ladenöffnungszeiten in Rheinland-Pfalz: „Ein Koalitionspartner regt aber an, die Regeln zu überdenken.“ Textaufgabe für den Leser: Erarbeite aus dem folgenden Artikel, um wen es sich handelt. Leute, das nervt! Warum wird nicht geschrieben „Die FDP regt aber an, die Regeln zu überdenken“?
Ich möchte, dass eine Zeitung mich effektiv informiert statt mich zu überflüssigen Informationssuchspielchen zu drängen. Wenn ich zum Lesen eines Artikels gedrängt werden soll, bekomme ich außerdem den Eindruck, dass die Redaktion ihn selbst nicht interessant genug findet, denn sonst würde sie dem Leser nicht solche Motivationshilfen mitliefern.
Sicher gibt es Wichtigeres im Leben als gut gemachte Zeitungsüberschriften, aber meine Reaktion auf – meiner Meinung nach – schlechte Über- und Unterschriften ist inzwischen häufig: weiterblättern. Und das in einer guten Zeitung; schade eigentlich.

Lieber Herr Schrör,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ausgezeichnet beobachtet! Die Überschriften-Trends, die Sie beschreiben, zeigen exemplarisch, was sich auf dem zunehmend unübersichtlichen News-Markt tut: Medienmacher entwickeln alte Formate weiter und probieren neue aus, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu wecken. Aufmerksamkeit für tolle Themen, für tolle Texte. Aufmerksamkeit, die angesichts der Reiz­überflutung, der wir alle ausgesetzt sind, immer schwieriger zu gewinnen ist.

Die Sesamstraßen-Überschrift, wie Sie das treffend nennen, ist nicht streng nachrichtlich; sie signalisiert: Hier werden Sie geholfen, hier wird die Welt erklärt – bitte lesen!

Der Vorspann im Stil eines Teasers (von englisch: tease = necken, reizen) soll informativ sein, aber nicht alles verraten; er signalisiert: Hier wird’s spannend, hier gibt’s aufregende Neuigkeiten – bitte lesen!

Grundsätzlich: Die Kritik an mancher Zeile ist berechtigt. Im Volksfreund wie in jedem anderen Blatt. Es gibt geniale Zeilen (selten), es gibt verlässliche (meist), es gibt missratene (ja, kommt leider vor).

Eine Geschichte in wenigen Wörtern zu erzählen (nichts anderes versucht eine Überschrift), die Leser einzufangen, sie neugierig zu machen – das ist eine Kunst für sich. Kann nicht so schwierig sein, oder?

In dicken Büchern ist nachzulesen, wie es geht – und wie nicht. Die Überschrift ist die Nachricht über der Nachricht. Sie muss verkürzen und zuspitzen. Sie hat, sagen Journalisten-Lehrmeister wie Wolf Schneider oder Detlef Esslinger, eine eingebaute Tendenz, die Weltereignisse zu dramatisieren und womöglich zu verfälschen; Vorsicht also mit Übertreibungen.

Handwerklich ist allerlei zu beachten. Auf Floskeln verzichten. Auf abgedroschene Phrasen. Auf Namen, die keiner kennt. Auf Abkürzungen. Auf Bandwurmwörter wie „Gebietskörperschaften“ oder „kommunaler Finanzausgleich“.  Auf exotische Vokabeln, die niemand versteht. Auf überkandidelte Sprachexperimente. Keine Fragen, wir geben Antworten. Kein Imperfekt, das wirkt lahm und gestrig. Kein abgehackter Telegrammstil. Keine kommentierenden Formulierungen. Keine schiefen Metaphern. Und … bloß keine Langeweile verbreiten!

Die Herausforderung: um jede einzelne Überschrift kämpfen, die Stilmittel wohldosiert einsetzen und das Beste herausholen!

Zu alldem ist eine Menge mehr zu sagen. Neugierig geworden? Schön. Früher, als die Zeitungen täglich Sequenzen eines Romans druckten, galt als ideale Schlussformel ein Satz wie dieser: „Und er küsste sie auf den … Fortsetzung folgt.“ Ein wunderbarer Teaser! Wohin küsste er sie wohl? Will ich wissen! Muss ich lesen! Demnächst in diesem Theater.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur