Dichtung, Wahrheit und ein toter Hund

O-Ton des jungen Goethe, nachdem sein Sturm-und-Drang-Schauspiel Götz von Berlichingen zerpflückt worden war: „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“ So ist das: Kritiker kritisieren – und werden kritisiert, seit alters.

Beatrix Strempel meint zum Artikel „Poesie auf der Drehleiter“ (TV vom 14. November): Schon lange nicht mehr habe ich so etwas Schönes gesehen und gehört wie diesen Abend über Hermann Hesse. Das begeisterte Publikum spendete nicht enden wollenden Applaus.

Ich war geschockt, als ich den Artikel las. Es erschien mir befremdlich, dass die Autorin Eva-Maria Reuther Begriffe wie „betulich“, „manieristisch“ oder „aufgesetztes Pathos“ für die Beschreibung dieser besonderen und feinsinnigen Rezitation verwendete.

Hat Frau Reuther mit der Künstlerin Claudia Dylla und dem Parnass Ensemble gesprochen, hat sie nachgefragt, wie die Inhalte zustande kamen? Wie lange musste alles eingeübt werden, damit es perfekt und bühnensicher darzubieten ist? Hat sie mit den vielen Besuchern darüber gesprochen, was sie  von der Vorstellung hielten? Wenn ja, was hat Frau Reuther dazu bewogen, diese harsche, unangebrachte Kritik zu schreiben?

Ich habe wenig Kenntnisse über Journalismus, weiß aber von Freunden, dass Fairness und Objektivität unabdingbar sind. Gewiss kann man seine eigene Meinung kundtun, dann aber müsste dort stehen „meiner Meinung nach…“! Urteilen und kritisieren, ohne zu kennen und zu verstehen, kommt Rufmord gleich.

Liebe Frau Strempel,

ich kann das verstehen. Sie haben recht. Sie sind begeistert. Und die Volksfreund-Reporterin hat genauso recht. Sie ist nicht begeistert. Wie das!?

Die Kritik gehört zur Textsorte der Meinungsbeiträge. Wie Leitartikel, Kommentar, Glosse, Polemik, Leserbrief. Die Besprechung eines Konzerts, einer Theaterinszenierung, einer Kunstausstellung ist immer ein Stück weit subjektiv und wertend.

Kritiker agieren natürlich nicht im luftleeren Raum. Sie kennen sich aus, sie vergleichen, sie kreisen in ihren Berichten um einen Nachrichtenkern (wer? wann? wo? was? wie?). Der Rest: Interpretation, Deutung, Gefühl – und Geschmack.

Meinung: Wir schauen dasselbe Theaterstück an, aber wir sehen nicht das Gleiche. Weil wir unsere eigene, einzigartige Mischung aus Vorurteilen, Erfahrungen, Vorlieben und Wissen mitbringen, die unsere Sicht auf die Dinge prägt. Deshalb sind, zum Beispiel, die einen begeistert, die anderen nicht.

Pablo Picasso, der großartige, einmalige, geniale Künstler (genau, das ist meine Meinung!), hat das so formuliert: „Gäbe es nur eine Wahrheit, könnte man nicht hundert Bilder zum gleichen Thema malen.“

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart