Äpfel + Birnen = Obstsalat

Es ist eine Herausforderung, dieses Datendings! Dieses Zahlengedöns! Dieses Analysezeugs! Tag für Tag Dutzende von Statistiken, Tag für Tag Dutzende von Theorien, was aus diesen Statistiken abzuleiten sei, Tag für Tag Vorhersagen über die Zukunft samt Risiken und Nebenwirkungen. Immer mehr hiervon, immer weniger davon. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Der Auftrag an Journalisten: aufdröseln, deuten, veranschaulichen. Gelingt nicht immer.

Michael Fuchs aus Trier meint: Logik ist Sprache, von logos = Wort (griechisch). Mathematik ist Logik, in Zahlen ausgedrückt, aber entstanden aus den Textaufgaben, die den Zusammenhang mit dem täglichen Leben herstellen. Ich plädiere dafür, mit Sprache logisch umzugehen. Für mich spielen Wortkombinationen aus „mehr/weniger als“ oder „so viel wie“ eine zentrale Rolle. Hier wird sprachlich Schindluder getrieben, und die beabsichtigte Aussage wird falsch. 

Ein Beispiel mit dem häufigsten Fehler (kommt wirklich oft vor): Bei den Wahlen entfielen 54 Stimmen auf Kandidat X, das sind drei mal mehr als im Vorjahr (die Zahl 16 wird nicht genannt). Analyse: „mal“ ist Multiplikation, „mehr“ ist Addition. Was wird multipliziert (Grundmenge)? Die 16 Stimmen vom Vorjahr: 16 x 3 = 54; bis dahin ist es richtig. Aber durch das Wort „mehr“ müsste diese Menge zum Wert vom Vorjahr addiert werden (soundsoviel mehr als im Vorjahr), hier steht „soundsoviel“ für drei mal – Ergebnis der Kontrollrechnung: 70 Stimmen. Richtig wäre der Satz: Bei den Wahlen entfielen 54 Stimmen auf X, das sind drei mal so viel wie im Vorjahr. Damit wäre die Aussage die reine Multiplikation geblieben. Schlimm wird es, wenn eine solche Multiplikation mit dem Wort „weniger“ kombiniert wird. Bei den Wahlen entfielen 20 Prozent der Stimmen auf X, das sind drei mal weniger als im Vorjahr. Ja, auch solche Sätze kommen vor! Jede Kombination von Z mal weniger als Y, in der Z = 1 oder größer ist, ergibt als Ergebnis eine negative Zahl! Das geht nur in der Mathematik, solange sie nichts mit dem Leben zu tun hat – aber nicht bei lebendigen Textaufgaben!

Lieber Herr Fuchs,

leider wahr: Wenn Journalisten mit Zahlen hantieren, bleibt die Logik bisweilen auf der Strecke. Keine Ahnung, warum. Die Regeln für Schreiberlinge sind so einfach wie das Einmaleins: Reiht keine Zahlenkolonnen aneinander, das macht Texte unlesbar! Bringt nur die wichtigsten Zahlen, arbeitet sie grafisch auf! Vergleicht absolute Zahlen nicht mit Prozentzahlen, das verwirrt die Leser! Dennoch passiert es: Äpfel + Birnen = Obstsalat, Chaos, Durcheinander.

Was tun? Kommunikation folgt anderen Gesetzmäßigkeiten als Mathematik. Wer eine Geschichte erzählt, kann verschiedenste Lösungswege wählen. Das Ergebnis aber muss stimmen, die Nachricht, die Fakten, die Zahlen, sonst zerbröselt der funkelndste, glitzerndste Text – zu nichts.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart