Fiebernde Liebhaber

Ein Phänomen, dieser Kult um die Kicker: Fußball ist Spektakel, Fußball ist Zirkus, Fußball ist Big Business, Fußball ist Politik, Fußball fasziniert die Massen – manchmal mit Nebenwirkungen, mit Kollateralschäden. Etwa wenn Rabauken sich im Dunstkreis von Spielen prügeln. So wie letztens in der Nähe von Kaiserslautern. Der Volksfreund berichtete über die Attacke von „FCK-Fans“ auf „MSV-Anhänger“.

„Das sind keine Fans“, empört sich Leser Joachim Hoegner, „sondern Verbrecher, die hinter Gitter gehören.“ Es sei nicht korrekt, Millionen friedliche Fußballfreunde genauso zu nennen wie einige Dutzend vermummte, kriminelle Chaoten: Fans. „Bitte stellen Sie das richtig und gehen Sie mit dem Wort künftig etwas überlegter um.“

Lieber Herr Hoegner,

guter Hinweis, danke. Sollte für die Berichterstatter leicht auseinanderzuhalten sein, ist es leider nicht, jedenfalls nicht immer.

Fans: begeistern sich für das Spiel, für die Stars, für „ihre“ Mannschaft. Oft leidenschaftlich. Tragen Trikots, Schals und Mützen in Vereinsfarben, schwenken Fähnchen. In England: Supporters (= Unterstützer). In Italien: Tifosi (= Mitfiebernde, abgeleitet vom Typhus-Fieber), auch: Partigiani  (= Parteigänger). In Spanien: Aficionados (= Liebhaber).

Ultras: fanatische Fans. Ausgerüstet mit Trommeln, Transparenten, Megafonen, Pyrotechnik. Tun alles für „ihr“ Team. Stibitzen gegnerische Utensilien. Handgreiflichkeiten nicht ausgeschlossen. In Südamerika: Barra Bravas (vor allem in Argentinien, kassieren bei Spielertransfers und im Drogenhandel) und Torcidas (in Brasilien, bis zu fünfzigtausend Mann).

Hooligans: nutzen Großereignisse wie Fußballspiele für Randale. Liefern sich Schlägereien mit rivalisierenden Gruppen oder der Polizei. Suchen den Nervenkitzel, finden Gewalt geil. Laut Bundesgerichtshof „kriminelle Vereinigungen“.  Fußball? Egal.

Und wenn sich alles vermischt und vermengt? Wenn Hools sich keilen, in Kutten, die aussehen wie die von Fans? Wenn Ultras sich wie Hools aufführen? Wenn Fußballkultur von Fußballsubkultur von Fußballkrawall nicht zu unterscheiden ist? Dann passiert es womöglich, dass neutrale Beobachter die Begrifflichkeiten vermischen und vermengen, in Polizeiberichten, in Medienberichten.

Noch eine Bemerkung: All das ist nicht neu, die Fan-Szene steht in langer Tradition. Goethe pilgerte 1792 und 1793 als Schlachtenbummler zu Kriegsschauplätzen. Vor zweitausend Jahren, bei den Gladiatorenkämpfen, die Kaiser Nero veranstalten ließ, kloppten sich vor einer Arena Raufbolde aus Pompeji und Nuceria, Anhänger der Athleten. Die Brot-und-Spiele-Show, inszeniert als Unterhaltung für das Volk, endete im Chaos, Schluss mit lustig. Überliefert von den damaligen Reportern – als Wandmalerei.

Sportliche Grüße!

Peter Reinhart