Hey, Leute, das ist Europa!

Mannomann! Schreibe ich in dieser Kolumne etwas zum entzückenden Lob von Frau A.? Befasse ich mich mit der fundamentalen Kritik von Herrn L.? Antworte ich auf die Anregung von Frau S.?

Alles irgendwie nicht prickelnd. Frau A., Herr L. und Frau S. bekommen Briefe. Und ich erzähle eine andere Geschichte. Aber welche? Hmm.

Ich schaue aus dem Fenster. Herbstsonne. Herbstlaub. Herbststimmung. Friedlich. Das Volksfreund-Haus steht in Trier-Euren. Drumherum: Industrie, Gewerbe. Mittendrin: die Reste der Piste des alten Militärflugplatzes.

Vor hundert Jahren starteten gleich da vorn Zeppeline, bepackt mit Bomben, gen Frankreich. Erster Weltkrieg. Danach waren auf dem ehemaligen kaiserlichen Exerzierfeld stationiert: amerikanische Flieger, französische Flieger, deutsche Flieger. Zweiter Weltkrieg. Danach: wieder amerikanische Flieger, wieder französische Flieger, wieder deutsche Flieger. Bis in die siebziger Jahre.

Raus, an die Luft! Eine Inspiration muss her, eine Idee …

Spaziergang! Ich begegne einem Paketboten, spreche ihn an. Er sei aus Budapest, sagt er. In seinem Transporter liegt ein Schild mit Text, den ich nicht verstehe. Ungarisch. Er lacht: Erinnerung an die Heimat, die Buslinie 34 und die Namen der Stationen Árpád híd metróállomás und Békásmegyer, Újmegyeri tér. Er liest vor, es klingt wie Gesang. Schöne Melodie.

Ein paar Hundert Schritte weiter: am Straßenrand ein Lastwagenfahrer aus Rumänien, er bereitet auf einem kleinen Kocher sein Essen zu (Kartoffeln, Gemüse). Tag, wie geht’s? – Lange weg von zu Hause. – Und sonst so? – Familie arm. Europa gut, sehr gut.

Noch ein bisschen weiter, vorn an der Ecke: ein Foodtruck. Leckere Burger. Erfrischende Limonade. Und interessante Gespräche. Mit Engländern. Mit Franzosen. Mit Japanern. Mit Amerikanern. Sie arbeiten hier, sie leben hier. Ganz normal, ganz selbstverständlich.

Beschwingt gehe ich zurück, auf einem Weg, den ich nie zuvor gegangen bin, und denke: Hey, Leute, die ihr jammert, wir lebten in einer schrecklichen Zeit, öffnet eure Augen – das ist Europa!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Hey, Leute, das ist Europa!

  1. Ja, so ist es und weil es so ist, lieber Peter hatte ich vor Jahren angeregt, mal eine Serie über hier in unserer Region lebende und arbeitende „Ausländer“ zu machen und z. B. mit meiner Frau, die aus England ist und hier seit fast 30 Jahren lebt und ihre Muttersprache unterrichtet, zu beginnen. Oder mit unserer Änderungsschneiderin, einer alleinerziehenden Mutter von 4 Kindern aus dem Iran, die hervorragend Deutsch spricht, total zuverlässig unsere Kleidung repariert und ändert oder oder oder. So viele „Ausländer“ bereichern das Leben in unserem Land! Aber ja, man muss vor die Tür gehen um es zu erleben oder die Zeitung lesen…manchmal macht sich jemand die Mühe und berichtet über diese Leute, die aus welchen Gründen auch immer ihre Heimat verlassen haben…

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