Buridans Esel

In heller Aufregung: Von einer Zäsur ist die Rede, von einer anderen Republik, von einem historischen Rückschritt für die deutsche Gesellschaft; das politische System sei auf den Kopf gestellt, der Grundkonsens der Bundesrepublik zerstört – Auszüge aus Pressestimmen zur Bundestagswahl. Eine Zeitenwende? Gar eine Zeit des Umsturzes, wie die Washington Post munkelt? Und das alles wegen der knapp hundert Rechtspopulisten, die künftig im Parlament sitzen? Holla!

Volksfreund-Leser Friedhelm Enser aus Trier meint: Endlich, nach der Ohrfeige für die etablierten Volksparteien durch die Wähler wurde ein Schuldiger ausgemacht: die Medien! Dass es die AfD gibt und dass sie gewählt worden ist, sollen also die Medien schuld sein? Ist es nicht Auftrag der Medien, über Missstände jeglicher Art unabhängig zu berichten und zu informieren? Ich bin kein Fan von rechten Parteien und deren fremdenfeindlicher Anschauung, aber wenn eine demokratisch gewählte Partei Missstände beim Namen nennt (illegale Migration, Islamisierung, soziale Ungerechtigkeit), dann ist es die Pflicht der Medien, darüber zu berichten.

Lieber Herr Enser,

danke, guter Hinweis. Die Medien als Sündenbock, eine uralte Geschichte: Der Überbringer der schlechten Nachricht wird geprügelt, so ist das halt. Ich will das Paradoxon ein bisschen anspitzen: Hätte nie ein Journalist über die neue Rechte in Deutschland berichtet – sie wäre trotzdem da. Hätte keine Talkshow den Provokateuren der neuen Rechten ein Forum geboten, völkischen Unfug zu verzapfen – sie wäre trotzdem da. Hätten die Medien mehr über die programmatische Ödnis der neuen Rechten aufgeklärt und nicht jeden Nazi-Rülpser skandalisiert – sie wäre trotzdem da, wenn auch vielleicht nicht ganz so stark (mehr als fünf Millionen Wähler, überwiegend Protestwähler).

Die Gemengelage erinnert an Buridans Esel. Das philosophische Gleichnis beschreibt ein (unlösbares?) Dilemma: „Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll.“

Berichten wir über die neue Rechte? Klar, das ist unser Job, unsere Aufgabe. Wir sagen, was ist, wir analysieren, wir kommentieren. Machen wir die neue Rechte mit jedem Bericht, mit jeder Analyse, mit jedem Kommentar bekannter, sogar: populärer? Wahrscheinlich, das ist ja das Paradoxe.

Also kommt es darauf an, was und wie berichtet wird. Entlarven, wie die Protagonisten der Dagegen-Partei ticken? Ja. Sachlich auseinandernehmen, was sie politisch anstreben? Ja. Ihre PR-Spektakel zum Huch-die-schlimmen-Nazis-Aufschrei hochjazzen? Nein.

Nur nichts tun wäre falsch – dann würde die Demokratie verhungern. Wie Buridans Esel.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart