Starke Marke

Total veraltet: dieser Name, dieser Schriftzug – ist das eine Nazi-Zeitung? So etwas lesen wir nicht! Von Urlaubern höre sie solche Bemerkungen in letzter Zeit öfters, die Leute seien sensibel, erzählt Christa Kettern. Sie ist die Chefin einer traditionsreichen Café-Bäckerei in Piesport, bei ihr gibt’s Brote und Brötchen, Kuchen und Kekse, Schnecken und Ecken – und Zeitungen, darunter den Trierischen Volksfreund. Der Titel schreckt Touristen ab, sagt Christa Kettern, denken Sie mal über eine modernere Aufmachung nach!

Liebe Frau Kettern,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Was Sie schildern, ist keine neue Erfahrung für uns. Ab und zu melden sich Leser – meist Zugereiste – und erkundigen sich: Trierischer Volksfreund? Was ist das für ein Blatt? Einige mutmaßen provinziellen Mief, andere wittern rechtslastige Tendenzen. Weder noch! Ich habe gelegentlich davon berichtet und rolle die Geschichte gern noch einmal aus.

Der Name hat mit der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis nichts zu tun, sondern stammt aus der Zeit der Französischen Revolution. Kurz nach dem Sturm auf die Bastille gründete der Arzt, Verleger, Journalist und linksradikale Politiker Jean-Paul Marat im Spätsommer 1789 die Zeitung L’Ami du Peuple, auf Deutsch: Der Volksfreund. Die Linie des Blatts: republikanisch, volksnah, angriffslustig. Vier Jahre lang erschien L’Ami du Peuple in Paris, mitunter zweimal täglich, in einer Auflage von rund 2000 Exemplaren – bis zur Ermordung Marats am 13. Juli 1793. Man fand ihn erdolcht in seiner Badewanne.

L’Ami du Peuple wurde zum Vorbild für viele Verleger, eine Zeitlang schossen in Deutschland Volksfreunde wie Pilze aus dem Boden, etwa in Aachen, Braunschweig und  Hannover. Von April 1848 bis Juni 1849 existierte in Luxemburg ein Volksfreund mit dem Zusatz „Freiheit, Gerechtigkeit, öffentliche Ordnung“.

Offenbar fanden die Trierer Druckerei-Besitzer Koch und Philippi Gefallen an dem populären Titel, als sie 1878 beschlossen, das drei Jahre zuvor erstmals herausgegebene Trierische Anzeigeblatt aufzuhübschen – und ihre Zeitung fortan Trierischer Volksfreund nannten. Von 1938 bis 1945 vom Hitler-Regime verboten, nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst mit französischer Lizenz als Trierische Volkszeitung neu belebt, steht der Name Trierischer Volksfreund seit 1949 wieder auf der Titelseite – in der traditionellen Frakturschrift, die seit den Gründertagen nur behutsam verfeinert worden ist.

Warum diese alte Type? Warum nicht ein neuer peppiger Name? Weil der Trierische Volksfreund eine Marke ist, eine Institution, die jeder in der Region Trier-Eifel-Mosel-Hunsrück kennt. Unverwechselbar. Glaubwürdig. Wie ein guter Bekannter: Man weiß, was man an ihm hat, man vertraut ihm, man verzeiht ihm kleine Macken. Er gehört zum Leben.

So eine Marke aufzubauen dauert lange. Denken Sie an Mercedes, Coca-Cola, die katholische Kirche, die Olympischen Spiele. Es gilt, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen, sie von der Qualität des Produkts zu überzeugen, sie stets aufs Neue zu begeistern und das Angebot weiterzuentwickeln. Das ist beim Volksfreund genauso. Mal steht eine Layout-Veränderung an, mal eine digitale Innovation auf mobilen Endgeräten wie iPhone und iPad.

Eines ist tabu: der Name. Niemand setzt ohne Not eine erfolgreiche Marke aufs Spiel. Mercedes baut nicht mehr dieselben Autos wie vor fünfzig Jahren – der Name, der Kern der Marke, das Logo (Stern) sind unverändert. Die Olympischen Spiele der Neuzeit, 1896 fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit gestartet, faszinieren die ganze Welt – der Name, der Kern der Marke, das Logo (fünf Ringe) sind unverändert. Der Trierische Volksfreund bietet andere Inhalte als 1878 – der Name, der Kern der Marke, das Logo (Schriftzug in Fraktur) sind unverändert.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart