Wie das so ist.

Sehr gut, schreibt Leser M., gefalle ihm der journalistische Grundsatz, neutral zu berichten und Distanz zu wahren. Immer mittendrin sein, aber nicht dazugehören. Sich nicht mit einer Sache gemeinmachen, auch nicht mit einer guten Sache. Und so weiter. Er habe jedoch gestutzt, als neulich in einer Talkshow von Betroffenheitsjournalismus die Rede gewesen sei. Was das sei, was das zu bedeuten habe?

Lieber Herr M.,

gemeint ist, wenn Journalisten über Themen berichten, die sie erschüttern, etwa Terroranschläge, und nicht verheimlichen, wie berührt, aufgewühlt, traurig sie sind. Ist öfters bei Live-Reportagen über dramatische Ereignisse zu beobachten. Das Publikum spürt: Betroffenheit. Gilt als authentisch, unmittelbar. Und ist umstritten, weil Emotionen übermittelt werden, dagegen kaum kritisch-reflektierende Analysen.

Gemeint ist möglicherweise auch, wenn Journalisten berichten, weil sie selbst betroffen sind. In eigener Sache, in eigenem Interesse. Und das ist: tabu.

Warum? Mal angenommen, ich wäre als Privatmensch total genervt von, sagen wir, einem Telekommunikationsunternehmen, und würde meinen von der Verfassung geschützten Beruf nutzen, um Druck auf dieses Unternehmen auszuüben, indem ich wütende Kommentare raushaue, eine Medienkampagne lostrete oder was auch immer … nein, das ginge gar nicht, das wäre übler Betroffenheitsjournalismus (und erreichen würde ich sowieso nichts).

Um es zu verdeutlichen, so in der Art, leicht verfremdet:

Donnerstag, 6. Juli, kurz vor Mitternacht. Gewitter. Der Blitz schlägt ein. 1.21 Gigawatt. Es rumst gewaltig. Wie das so ist.

Freitag. Telefon tot, Internet tot. Anruf übers Mobiltelefon beim Provider. Ein supernetter Herr im Call-Center sagt: Wir prüfen das und melden uns. Spätestens Montag. Name, für alle Fälle? Heine. Okay, ein paar Tage ohne Kontakt zur Außenwelt, geht irgendwie.

Montag. Keiner meldet sich. Anruf bei der Hotline. Eine supernette Frau sagt: Stimmt, da ist ein Ticket offen, wir prüfen das und … Name, für alle Fälle? Schiller.

Montagabend. Nix. Anruf bei der Hotline. Hmm, sagt ein supernetter Herr, das Netz gehört einem Energieversorgungskonzern, den müssen wir beauftragen. Name, für alle Fälle? Mörike. Merkwürdig, denke ich, die heißen in diesem Call-Center alle wie deutsche Dichter. Tarnnamen? Und es ist nie zwei Mal derselbe oder dieselbe dran. Wie das so ist.

Dienstag. Hotline-Auskunft: Techniker des Energieversorgers war vor Ort. Leitung in Ordnung. Sie müssen Ihren Router austauschen, der hat wohl was abgekriegt. Wie das so ist.

Mittwoch. Neuer Router (200 Euro). Eingestöpselt. Nix. Hotline. Unbekannter Fehler, hatten wir noch nie. Wir prüfen das und …

Donnerstag. Nix. Hotline. Am Router kann’s nicht liegen. Vielleicht der Verteilerkasten. Das ist Sache des Energieversorgers. Wir melden uns. Wie das so ist.

Freitag. Hotline. Ihr Port ist wieder synchron, säuselt eine Frauenstimme, soeben kam die Info rein, probieren Sie es aus! Nix. Wie das so ist. Noch ein Versuch. Hotline. Herr Right, supernett. Ist das der Richtige, ist das Mr. Right?! Wäre zu schön. Verstehe, dass Sie verärgert sind, wir prüfen das und … schenken Ihnen einen Surfstick. Damit sind Sie schnell im Netz, übergangsweise. Wird zugeschickt, ist Dienstag oder Mittwoch bei Ihnen. Bis dahin haben Sie bestimmt schon wieder Telefon und Internet, keine Sorge. Ich kümmere mich darum, sofort nach einer internen Systemumstellung am Wochenende. Wie das so ist.

Montag. Nix. Anruf bei der Hotline. Wir schicken einen Techniker los, am Mittwoch. Wie das so ist.

Dienstag. Der Surfstick, na gut. Nachfrage bei der Hotline. Kommt der Techniker? Ja, Mittwoch zwischen acht und zwölf Uhr. Sicher? Zu 99 Prozent.

Mittwoch, 19. Juli. Der Techniker! Supernett. Kompetent. Stellt fest, dass ein anderer Techniker zuvor den falschen Zugang durchgemessen hat. Ein Zahlendreher. Hätte vor einer Woche gelöst werden können, das Problem …

Es ist vorbei. Danke. Alle wollten das Beste, zweifellos.

Absurdes Theater. Erinnert ein bisschen an Warten auf Godot von Samuel Beckett. Wobei der irische Kult-Dramatiker Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre nicht ahnte, dass eines Tages fabelhafte Stücke über die Sinnlosigkeit des Seins in einem deutschen Call-Center aufgeführt werden. Wie auch? Er hatte kein Internet. Wie ich, für zwölf Tage …

Schluss damit! Wäre ich Betroffenheitsjournalist und würde mir im richtigen Leben solcher Wahnwitz begegnen, hey, eine Glosse wäre fällig, mindestens! Und hunderttausend Leute wüssten, was … halt, jetzt ist wirklich genug! Das gehört sich nicht. Nein, nein, nein.  Vergessen Sie’s, löschen Sie’s. Wie das so ist. Ich schweige …

… bis demnächst in diesem Theater, wenn es wieder heißt:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Sagt Herr Brecht. Nein, nicht der vom Call-Center, der Dichter …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart