Siebenunddreißig Grad

Es ist normal, dass wir uns für das Normale nicht interessieren. Es ist normal, dass wir uns für das Nicht-Normale interessieren.

„Hund beißt Mann“ ist keine Meldung (allenfalls eine klitzekleine), passiert jeden Tag irgendwo, nichts Besonderes = normal, „Mann beißt Hund“ dagegen ungewöhnlich, unerhört, unerwartet = nicht normal.

„When a dog bites a man, that is not news, because it happens so often. But if a man bites a dog, that is news.“ Ein Reporter der New York Sun hat diese Sätze im vorvorigen Jahrhundert notiert; sie beschreiben perfekt, was Neuigkeit von Nichtigkeit unterscheidet – und sind viel mehr als eine Journalistenweisheit.

Dahinter steckt ein Ur-Impuls des Menschen: wissen zu wollen, was nicht normal ist (weil störend, bedrohlich, gefährlich), und Informationen zu sammeln, die helfen, den Normalzustand zu erhalten oder wiederherzustellen. Bekanntes Beispiel: Unsere Körpertemperatur liegt knapp unter siebenunddreißig Grad. Normal. Bemerken wir gar nicht. Ein paar Grade darüber, das System schlägt Alarm: bin krank, bin nicht normal, mach mich gesund, mach mich normal.

Die Einschätzung, was normal ist und was nicht, ändert sich. Mann heiratet Mann, Frau heiratet Frau. Früher nicht normal, heute normal. Extremwetter in Deutschland, Hurrikane, Überschwemmungen. Früher nicht normal, heute normal.

Und das hier: Schuldenkrise, Finanzkrise, Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Kapitalismuskrise, Demokratiekrise, Staatskrise, Flüchtlingskrise, Identitätskrise, Lebenskrise, Glaubenskrise, Sinnkrise, Dieselkrise, Medienkrise, Milchkrise, Griechenlandkrise, Katarkrise, Nordkoreakrise, Weltkrise, Krisenkrise … ach, dieser Kult um die Krise, um das Nicht-Normale – ist das noch normal?!

„Was wir brauchen“, frotzelte George Bernard Shaw, „sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart