Seeaalsuppe, sensationell!

Sagen Sie, fragt neulich eine Leserin, wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Texte? Wie machen Sie das mit dem Schreiben? Wie entsteht eine Kolumne?

Im Anfang ist ein Wort. Eine Beobachtung. Ein Thema, das hochkocht. Eine Problemstellung. Sehr unterschiedlich. Gibt’s etwas zu sagen, das nicht gesagt ist? Gibt’s etwas zu erklären, das nicht erklärt ist? Gibt’s etwas zu analysieren, das nicht analysiert ist?

Nachdenken. Querdenken. Um die Ecke denken. Im Quadrat denken. Wieder vergessen. Erinnern. Neu anfangen. Assoziieren. Eine Runde spazieren gehen. Heinrich von Kleist hat über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden philosophiert, und …

Ach, das ist viel zu theoretisch. Ein Beispiel muss her!

Also, die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruh lag Babylon. Es ist die Stunde der Lyrik. Ich lese … ein Gedicht von Pablo Neruda: Ode an die Seeaalsuppe. Sensationell. Im sturmdurchwühlten Meer von Chile / lebt der rosenfarbene Seeaal, / der Aalgigant / mit schneeigem Fleisch …

Sofort fällt mir Eintracht Trier ein, was sonst?! Dieser einmalige Verein:  Uefapokalsiegerbesieger und Championsleaguesiegerbesieger in einer Pokalsaison, und weil der Championsleaguesieger damals, vor zwanzig Jahren, auch den Weltpokal gewann, ist Trier, beide Augen zugedrückt, irgendwie auch Weltpokalsiegerbesieger.

Eine unfassbare Geschichte. Was die mit der vokalreichen Seeaalsuppe zu tun hat? Nichts. Meine Synapsen haben geschaltet, weil die Eintracht mal von einem Fußballlehrer namens Marco Pezzaiuoli trainiert worden ist. Alle fünf Vokale in einem Namen! So einmalig wie UefapokalsiegerbesiegerChampionsleaguesiegerbesiegerWeltpokalsiegerbesieger!

Und nun? Die Kolumne ist fast „zu“. Es würde sich anbieten, den Exkurs über stimmhafte Laute, bei deren Artikulation der Phonationsstrom ungehindert durch den Mund ausströmt, fortzusetzen. Mit Teeeiern. Oder Schneeeulen.

Kennen Sie rekordverdächtige Vokalkonstruktionen? Schreiben Sie mir, ich bin gespannt!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart