Ja, wenn das so ist …

Es ist eine uralte Geschichte: Der Hohepriester geht allein in den Tempel und bekennt die Sünden des Volkes Israel. Alle. Dann überträgt er das ganze große Paket symbolisch (durch Handauflegen) auf einen Ziegenbock und jagt das Viech in die Wüste – mitsamt allen Sünden. Yipiiieh, rufen die Menschen und fangen von vorn an. Ein Jahr später, am Tag der Versöhnung, dieselbe feierliche Zeremonie. Fehleranalyse. Ziegenbock auswählen. Hand auflegen. Ab in die Wüste. Eine Episode aus dem Alten Testament.

Der Sündenbock ist sprichwörtlich geworden. Er wird gebraucht, wenn es gilt, jemanden für Fehler und Probleme verantwortlich zu machen (und in die Wüste zu schicken). Manchmal tritt der Sündenbock als Schwarzer Peter auf, manchmal als Bauernopfer, als Prügelknabe, als Watschenmann. Oder in Zeiten der denglischen Sprachverwirrung: als Loser (Verlierer) im Blame Game. Das ist ein Spiel, das Politiker nach verlorenen Wahlen spielen. Ich war’s nicht! Die anderen haben es versemmelt!

Der Albig zum Beispiel, SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Abgewählt. Falsche Politik? Nö, heißt es bei den Sozen. Weil er seine Frau verlassen und sich mit seiner neuen Herzensdame in der Klatschzeitschrift Bunte aufgeplustert hat. Kam nicht gut an bei den Bürgern. Abgang, nicht ganz freiwillig.

Die Kraft zum Beispiel, SPD-Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Abgewählt. Falsche Politik? Nö, heißt es bei den Sozen. Weil sie nicht auf den Bundes-Schulz hören wollte und ihr eigenes Ding durchgezogen hat. Kam nicht gut an bei den Bürgern. Abgang, freiwillig.

Das Sündenbock-Schwarzer-Peter-Bauernopfer-Prügelknaben-Watschenmann-Blame-Game, immer dasselbe. Sehr beliebt auch eine Variante, die darauf abzielt, die Schuld bei unbeteiligten Dritten zu suchen (und zu finden), etwa bei den Medien.

Warum sind die Fußballer von Eintracht Trier aus der vierten Liga abgestiegen? Fans melden sich zu Wort und legen dar, wer es vermasselt hat. Ein bisschen die Kicker und die Trainer, ein bisschen mehr der Vorstand des Vereins, und gaaanz viel die Volksfreund-Reporter. Falsch berichtet, nicht ehrlich, nicht objektiv und irgendwie von bösen Mächten gesteuert.

Erstens: Das ist Bullshit.

Zweitens: Wenn das kein Bullshit ist, verfügen Journalisten über Zauberkräfte. Sie können alles kaputtschreiben, das bedeutet umgekehrt: Sie können alles herbeischreiben. Sie sind schuld an Abstiegen, sie sind schuld an Aufstiegen. Das erklärt einiges.

München ist Meister. Weil das die beste Mannschaft weit und breit ist? Nein, weil die Journalisten richtig, ehrlich und objektiv über die Bayern berichten. Ja, wenn das so ist … wenn das stimmt mit den magischen Kräften … liebe Leute, ich bewerbe mich beim Zirkus, tschö!

Peter Reinhart