Scheinbar oder anscheinend?

Leser C. meldet sich häufiger und kritisiert, im Volksfreund würden auf Druck von „ganz oben“ Fakten unterschlagen, schöngefärbt oder relativiert, insbesondere „alles Negative“ über Flüchtlinge. Er lasse sich nicht länger vera…, und im Internet sei die Wahrheit sowieso ganz leicht zu finden.

Nicht schon wieder dieselbe Platte, bitte, die haben wir oft genug gespielt. Es bleibt dabei: Niemand schreibt der Redaktion dieser Zeitung vor, was zu berichten ist und was nicht. Punkt.

Ha, das stimmt nicht, triumphiert Herr C., warum wird ständig das Wörtchen „angeblich“ verwendet, wenn der Volksfreund ausschließlich Fakten und nichts als Fakten bringt? Warum diese Einschränkung?

Nun, weil Adjektive wie „angeblich“, „offenbar“ oder „mutmaßlich“ signalisieren: Die Sache ist (noch) nicht entschieden oder bewiesen; es deutet alles oder vieles darauf hin, dass sich etwas so ereignet hat wie dargestellt; es wird behauptet, aber wir wissen es nicht hundertprozentig.

Das macht einen gewaltigen Unterschied. Beispiel: „Müllermayerschmidt hat seine Frau geschlagen“ = Tatsache, „Müllermayerschmidt hat angeblich seine Frau geschlagen“ = Verdacht, kein Fakt, nicht gerichtsfest.

Anscheinend klar, scheinbar klar, ist doch egal. Eben nicht. Das wird häufig verwechselt. „Anscheinend“ heißt: Es gibt die Vermutung, dass etwas so ist, wie es zu sein scheint. „Anscheinend hat Müllermayerschmidt seine Frau geschlagen.“

„Scheinbar“ ist etwas nur dem äußeren Eindruck nach, nicht tatsächlich. „Scheinbar hat Müllermayerschmidt seine Frau geschlagen“ bedeutet: Es ist nichts passiert, Müllermayerschmidt hat so getan als ob, in Wirklichkeit war’s ein Spiel unter Verliebten. Nur Schein, nicht Sein …

Ganz schön kompliziert, zeigt aber einmal mehr: Ein einziges Wort kann alles verändern.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart