Verbotene Lieder

Da wäre noch etwas aufzuklären, die Gemengelage ist kompliziert. Es geht, mal wieder, um Nazi-Sprech und kontaminierte Wörter, speziell: um einen Hit aus der Hitlerzeit.

In einem Leserbrief lobte Herr H. neulich den US-Präsidenten Trump und orakelte: „Angeblich gibt sich in Berlin der Merkel’sche Hofstaat gelassen. […] Realistischer ist eher eine Mischung aus Pfeifen im Wald, gepaart mit dem Zittern von morschen Knochen, verbunden mit einem langsamen, aber stetigen Gleiten in die Götterdämmerung“ (TV vom 21./22. Januar).

Darauf antwortete Herr W., die Wortwahl des Herrn H. erinnere ihn daran, dass er als „Pimpf“ in der Hitlerjugend das Lied „Es zittern die morschen Knochen“ singen musste, samt der Zeile: „Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns ganz Deutschland und morgen die ganze Welt“ (TV vom 25. Januar).

Andere Leser erkundigten sich, wieso jemand, der Sympathie mit den Nazis signalisiere, überhaupt veröffentlicht werde.

Herr H. meldete sich erneut. Ironie sei nicht jedermanns Sache. Im Refrain des Liedes heiße es nicht „gehört“, sondern „hört“, und „dieses klare Wort“ stehe „für eine akustische Wahrnehmung“ und nicht für „obskure Weltbeherrschung“.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz sagt: Das Singen des Liedes ist strafbar. „Es zittern die morschen Knochen“ ist verboten, genau wie andere Kampf- und Propagandalieder der SA, der NSDAP, der Hitlerjugend.  Wer’s dennoch tut, riskiert Ärger und setzt sich dem Verdacht aus, die Nazi-Ideologie zu verherrlichen (Paragraf 86a Strafgesetzbuch – Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen).

Begründung: Das Lied über die „morschen Knochen“, von Hans Baumann (1914-1988) ursprünglich für die katholische Jugendbewegung fabriziert, sei von den Nationalsozialisten mit verändertem Text („gehört uns Deutschland“ statt „hört uns Deutschland“) vereinnahmt worden.

Baumann selbst, nach dem Krieg als Jugendbuchautor erfolgreich, rechtfertigte sich 1956, er habe „gehört“ durch „hört“ ersetzt, um keinen Zweifel daran zu lassen, wie das Lied gemeint war. Seine Kritiker hätten sich aber hartnäckig „an jene erste verhängnisvolle Fassung“ gehalten. „Um eines einzigen Wortes willen, das in politisch erregten Zeiten in jugendlicher Unerfahrenheit geschrieben wurde, brechen sie über mich den Stab.“

Dass Herr H. ein Versatzstück aus dem Lied verwendet hat, ist juristisch nicht anfechtbar. Die Meinung ist frei. Jedoch: Wer belastete Nazi-Vokabeln benutzt, ob leichtfertig, unbewusst oder ironisch, weckt Assoziationen und lädt zu Interpretationen ein: Sprache = Denken = Gesinnung?!

Schöne Grüße!

Peter Reinhart