Zack, zack!

Lesedauer dieser Kolumne: zwei Minuten. So viel Zeit?! Och, bitte, bitte, schenken Sie mir die zwei Minuten. Ich weiß, dass Sie keine Zeit haben. Ich ja auch nicht. Keiner hat mehr Zeit. Deshalb müssen wir uns sputen.

Also: Wir leben immer schneller. Die allgemeine Beschleunigung schlägt sich auch in der Sprache nieder. Weniger Zeit, kürzere Wörter, kürzere Sätze – zack, zack!

Johann Wolfgang von Goethe baute bandwurmartige Konstrukte aus 30 bis 36 Wörtern. Laaaaange Sätze. Seine Leser hatten: Muße, unendliche Muße. Zweihundert Jahre später dominiert der Stakkato-Stil. Ein Dutzend Wörter pro Satz, mehr ist gehetzten Lesern kaum zuzumuten (sagen Forscher, wegen Reizüberflutung und begrenzter Aufnahmefähigkeit). Noch knackiger: die Info-Häppchen in Diensten wie Twitter. Verdichtet, verknappt, konzentriert. Der Trend geht zur Kürzelei.

Eine Minute ist vorbei. Genug der Vorrede. Wir kommen zum Aufreger der Woche: Nafris. Ein Kurzwort, das die Kölner Polizei in der Silvesternacht zwitscherte. Nafris. Weil die Langversion „nordafrikanische Intensivtäter“ sperrig ist. Wäre sie verbreitet worden, hätte sich niemand beschwert. So jedoch: Rassismus-Geschrei und Diskriminierungsvorwürfe. Die Polizei sagt: alles Quatsch. Ist nicht (ab)wertend gemeint. Spart aber Zeit. Viel Zeit. Wie Hunderte andere Abkürzungen auch, interne Arbeitsbegriffe. Eine Auswahl, gesammelt von der Deutschen Presse-Agentur: Limo = linksmotivierter Straftäter; Remo = rechtsmotivierter Straftäter; Ladi = Ladendieb; Rubu = Person aus Rumänien oder Bulgarien; Bap = besonders auffällige Person; Hilope = hilflose Person, Betrunkener; Exi = Exhibitionist; EVL = Schwarzfahrer („Erschleichung von Leistungen“); Hufü = Hundertschaftsführer; Adler machen = Person wird durchsucht, muss sich mit den Händen an die Wand stellen …

Danke für Ihre Zeit.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

2 Gedanken zu „Zack, zack!

  1. Ob die Verwendung immer kürzerer Sätze, gerne auch ohne Prädikat, primär an Reizüberflutung und mangelnder Aufnahmefähigkeit liegt oder ob auch eine immer weiter um sich greifende Inkompetenz im Hinblick auf sprachlichen Ausdruck konstatiert werden muss, ist eine Frage, die ich hiermit bandwurmsatzartig gerne in den Raum stellen möchte *SCNR*

  2. Gut, dann schenke ich Ihnen die Zeit, ich nehme sie mir.
    Zack, zack geht es auch mit einem RIP – Rest in Peace – was bei uns ja eigentlich RIF heißen müsste. Aber das klingt so unsexy.
    Des weiteren hadere ich mit einem Wort, das von niemandem hinterfragt wird, was ja dazu führen würde, es zum Thema zu machen – inhaltlich.
    Macht Autotüv Sinn, macht es doch bei einem Menschen keinen.
    Technische Überwachung. Noch nie was vom Kitatüv, Kindertüv gehört, Behindertentüv, Altentüv gehört. Dass es da ja auch nicht um den Menschen gehen kann, sondern um was auch immer – das weiß keiner so genau, interessiert auch wenige – ist mittlerweile allen klar. So! Kriegt VW ordentlich Ärger – nicht von den Deutschen, versteht sich – , weil das mit dem TÜV und so alles nicht so stimmt, kriegt der Pflegetüv – der omonöse – keinen. Wer jetzt was wo technisch überwacht in Zukunft, dafür die Verantwortung übernimmt, ja Himmel, Herrgott, Sakrament, das ist die Frage. Pflegestärkung 2, dann geht es so weiter. Die Krönung, wenn wir bei Pflegestärkungsgesetz 100 sind, dann haben wir die „100 Prozent Pflege.“
    Wie selektiv sensibel manche sind, wird oft deutlich: Da empört man sich über Quotenfrau, aber nicht über das Hah: Heimchen am Herd.
    Dann, wenn wir nur langsam leben, dann wird es schwierig, aber da kann man das auch nicht kundtun in jedem Fall.
    Zack, zack, dann jetzt in die Fastfoodkette, wo früher ein nettes Cafe war, in dem man sich gemütlich niederlassen konnte.
    Aber dafür ist ja auch keine Zeit mehr. Aber Hauptsache: kein Leerstand.

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