Siehste!

Sie kauern in einer Höhle. Gefangene, angekettet. Ein Feuer flackert. An der Wand tanzen gespenstische Schatten. Sie glauben, es sei das Leben, das sie sehen. Doch es sind Schemen. Abbilder. Nicht die Wirklichkeit.

Mit dem Höhlen-Gleichnis beschreibt Platon vor zweieinhalb Jahrtausenden die Sehnsucht des Menschen nach Erkenntnisgewinn. Und er fragt: Was ist die Welt? Was ist die Wahrheit?

Die Lehre des griechischen Philosophen ist höchst aktuell. Sein Gleichnis gilt als die Mutter aller Matrix-Visionen, und die Höhle des digitalen Zeitalters ist: Social Media.

Es dämmert uns, dass die Wirklichkeit, die wir aus Facebook, Twitter, Instagram kennen, mit der Wirklichkeit da draußen nicht unbedingt identisch ist. Wir sitzen mit einer Milliarde anderen Menschen in der Höhle und bekommen mit, was uns die Algorithmen liefern. Es ist das, was wir mögen, sie füttern uns mit dem, was wir uns wünschen. So sind die Dinger programmiert. Sie simulieren die Wirklichkeit.

Was ist echt, was ist wahr?

Ein Beispiel aus dem Wahlkampf in den Vereinigten Staaten zeigt, wie sich Menschen mit Fake-News manipulieren lassen, wie mit frei erfundenen „Nachrichten“ Politik gemacht wird. Für jeden zweiten Amerikaner ist Facebook die wichtigste Informationsquelle. Was für eine Aufregung, als ein Beitrag auftauchte, in dem es hieß, der Papst empfehle, Trump zu wählen! Millionen Nutzer teilten die sensationelle Neuigkeit, die im Netz widerhallte wie in einer Echokammer. Bald war klar: eine Lüge. Das interessierte aber kaum jemanden; fanatische Trumpisten meinen bis heute, der Pontifex hätte tatsächlich zu ihnen gesprochen.

Psychologen sagen: Wir sind so strukturiert, dass wir in jedes Ereignis das hineinlesen, was wir immer schon für richtig gehalten haben. Siehste, ich hab’s gewusst, jubilierten die Trump-Anhänger, der Papst hilft uns! Was für eine Bestätigung der eigenen Weltsicht! Die Wahrheit bleibt vor der Höhle …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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