Ommmmmmhhh

So, jetzt bitte alle mal die Luft anhalten. Ausatmen. Einatmen. Laaangsam, gaaanz laaangsam. Ommmmmmhhh.

Trump ist gewählt. Na und?! Geht deshalb die Welt unter, wie Medien orakeln? Wird alles noch schlimmer, als es sowieso schon ist, wie Kommentatoren munkeln? Drohen Chaos, Kulturkämpfe und Handelskriege, wie Politiker den Menschen einreden?

Mumpitz. Das Dauer-Gequassel im Konjunktiv nervt. Wäre. Hätte. Könnte. Würde. Vielleicht. Eventuell. Mutmaßungen, Spekulationen, Prognosen. Es kommt ja doch anders.

Erst hieß es, der Polit-Clown Trump werde nie und nimmer ins Weiße Haus einziehen. Nu isser (so gut wie) drin, und die Auguren sehen schwarz für die Zukunft. Die Zukunft, die niemand kennt. Vor der wir uns aber fürchten müssen. So viel ist gewiss.

Ach, Leute, entspannt euch! Diese Aufgeregtheit, dieser Alarmismus, diese Hysterie (hat der Kerl nicht die Finger am roten Knopf der Atomraketen, bibber, bibber?!).

Entschleunigen. Sagen, was ist. Wenn es so weit ist.

Es ist richtig und wichtig, über den Aufstieg der Populisten nachzudenken, über die Abstiegsangst frustrierter Hillbillys, über die Arroganz der Eliten, über die Medien, die den Tycoon Trump lange hofierten, über Rassismus, Sexismus, Chauvinismus. Es ist richtig und wichtig, all das zu analysieren.

Jedoch bitte ohne das Gelall vom Verfall, ohne das pausenlose Es-ist-ja-so-schrecklich-und-wird-noch-schrecklicher-Geschluchze auf den medialen und politischen Marktplätzen.

Vor hundert Jahren hat Marcel Proust den monumentalen Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vorgelegt. Ein Labyrinth von viereinhalbtausend Seiten, auf denen fast nichts passiert. Ein Gegenentwurf zu der Aufgeregtheit, dem Alarmismus, der Hysterie, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts grassierten und die Welt in einen Taumel der Ungewissheit stürzten. Ähnlich wie heute.

Proust zu lesen wirkt wie Medizin gegen akute Schnappatmung: „Theoretisch weiß man, dass die Erde sich dreht, tatsächlich aber merkt man es nicht; der Boden, auf dem man schreitet, scheint sich nicht zu rühren, und so lebt man ruhig dahin. Genauso aber ist es im Leben mit der Zeit. Um ihren Flug uns bewusst zu machen, haben es die Romanschreiber nötig, den Lauf des Zeigers so rasend zu beschleunigen, dass der Leser zehn, zwanzig, dreißig Jahre in zwei Minuten durchmisst. Oben auf der Seite hat man sich von einem hoffnungsfrohen Liebhaber getrennt, und unten auf der nächsten findet man einen Achtzigjährigen wieder, der im Hof eines Altersheims mühselig seinen täglichen Spaziergang absolviert und dabei kaum auf die an ihn gerichteten Fragen Antwort geben kann, da er das Vergangene längst vergessen hat.“

Ommmmmmhhh.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart