Nichts als Lugen

+++ Breaking News +++ Eil +++ Programmänderung +++ Wir bitten alle Leser, die sich auf neue Erkenntnisse über das bekannteste Wort der Welt freuen, um ein wenig Geduld. Hoffentlich okay, Herr Kind, Herr Freischmidt und andere?! +++

Jetzt aber, aus aktuellem Anlass, live in die Staaten, ins Trump-Land.

Wir sehen: eine Wahlparty für den Mann, der sich um das Amt des Präsidenten bewirbt und dessen Ansichten noch exzentrischer sind als seine Frisur. Wenn ich’s nicht werde, tönt er, sind die Medien schuld.

Wir hören: seine Anhänger, die lauthals in Richtung der Fernsehkameras krakeelen: Lugenpresse, Lugenpresse. Nanu, Lugenpresse? Ja, Lugenpresse!

Wir beobachten, wir sind Augen- und Ohrenzeugen, wie ein Wort auswandert. Vom Deutschen ins amerikanische Englisch – es ist die Lügenpresse der Pegiden und Aaeffdeeler samt Brüdern und Schwestern im Geiste, die Trumps Donaldisten sich zu eigen machen. Ohne Umlaut, mit u statt ü.

Historischer Exkurs, um die Abstammungslinie des (Un-)Worts in Erinnerung zu rufen: Von Lügenpresse hat Hitlers Propagandachef Goebbels schwadroniert, um Gegner des NS-Regimes (Kommunisten, Juden, Amerikaner) zu denunzieren und zu diffamieren.

Der Kampfbegriff ist schon früher verwendet worden. Im 19. Jahrhundert von katholisch-konservativen Kreisen, die auf die demokratische, aufklärerische Lügenpresse und Schandpresse schimpften. Oder im Ersten Weltkrieg von Kaiser Wilhelms Agitatoren, die gegen die Lügenpresse und Feindpresse aus Frankreich, Belgien und England hetzten.

Katholiken, Monarchisten, Populisten haben das Wort ge- oder missbraucht, die Nazis haben es für alle Zeiten kontaminiert. Und nun gehört es zum schlechten Ton im Lager der Donaldisten …

Ungleich sympathischer diese Meldung, ein anderes Migrationswort betreffend: Der Liedermacher Herman van Veen plauderte vor ein paar Tagen aus, dass er die deutsche Kanzlerin mag und dass merkeln auf Niederländisch die hohe Kunst meint, Kompromisse auszuhandeln (bei uns eher: sich nicht festlegen, zuwarten, taktieren, Entscheidungen hinauszögern).

Es liegt im Trend, Wörter aus Namen von Prominenten und ihnen zugeschriebenen Eigenschaften oder Fähigkeiten zu bilden: merkeln, seehofern, schrödern, södern, wulffen, gaucken, guttenbergen, steinbrücken, riestern, hartzen, abwaigeln, adenauern … müllern, schweinsteigern … zlatanieren. Ja, das gibt’s. Steht in Schwedisch-Wörterbüchern (att zlatanera), abgeleitet von der Art des Fußballstars Zlatan Ibrahimovic, das Spiel mit Kraft zu dominieren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Beim nächsten Mal kümmern wir uns, versprochen, um das Wörtchen okay. Wenn nicht wieder eine dieser +++ Breaking News +++  dazwischentrumpelt

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart