Rosa Wolken

Dominik Dern aus Kerpen schreibt: Gute Nachrichten zu lesen, das tut mir gut, darüber freue ich mich. Davon hätte ich gerne mehr, und ich fände es schön, wenn das fester Bestandteil der Zeitung würde. So wie neulich, als an einem Tag nur gute Nachrichten auf der Welt-Seite veröffentlicht worden sind.

Sonst finde ich fast immer nur schlechte Nachrichten. Kindesmisshandlung, Mord an einer Schwangeren, psychisch kranke Täter, tote Touristen bei einer Explosion irgendwo und so weiter. Ich frage mich: Was soll das, wer will das lesen? Wenn ich solche Artikel suche, kaufe ich mir Bild oder Express. Fallen Ihnen keine anderen Neuigkeiten ein?

Lieber Herr Dern,

gut ist besser, logisch, so viel wie möglich, her damit! Bei allem Bemühen, das Positive herauszuarbeiten, bei allem Wissen, dass das ewige Krisen-und-Katastrophen-Gebraus, das unablässige Mord-und-Totschlag-Gedöns nervt: Verdrängen, verschweigen, vergessen geht nicht.

Zum einen, weil wir die Welt so abbilden, wie sie ist (und sie nicht unter rosa Wolken verstecken). Zum anderen, weil das Publikum seit jeher nach „boese maere“ mehr als nach „guote maere“ verlangt (so hat der Dichter Freidank das Phänomen bereits vor acht Jahrhunderten auf Mittelhochdeutsch beschrieben). Die Medien befriedigen die Nachfrage, sie liefern das Futter.

Warum sind wir auf „boese“ (schlechte) Nachrichten gepolt? Das hat mit Psychologie zu tun. Mit Neugier. Und steckt tief in unseren Genen. Weil wir …

… wie in der klassischen Tragödie mitleiden und mitfühlen.

… uns gruseln, wie irre manche Menschen sind.

… uns freuen, dass wir nicht selbst betroffen sind.

… irgendwie ahnen, dass es uns doch erwischen könnte. Alles, was anders ist als der Alltag, signalisiert: Gefahr! Ausnahmezustand! Nachrichten darüber sind wichtig – während die Normalität nicht der Rede wert ist.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Rosa Wolken

  1. Vergessen zu erwähnen: Das Altenmisshandlungsgedöns…..
    Da es alle einmal betreffen kann, wird verdrängt, verharmlost, relativiert, ignoriert, geschwiegen, gelogen, betrogen, vertuscht.
    Das Leid von Gruppen, zu der wir mal nicht gehören werden oder die Gefahr relativ gering ist, kann man sehen und ist zudem die Bestätigung der eigenen Qualität. Ach, wie gut es mir doch geht.
    Eugen Roths Gedicht „Unglücksfälle“ sollte Pflichtlektüre werden in deutschen Schulen.
    Sehr deutsch, das haben wir gerade in den letzten Wochen wieder bewiesen

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