Yalla! Yalla!

Die babylonische Sprachverwirrung im Medienzeitalter nervt manche Leser – zwei Beispiele:

Frau B. aus Morbach meint: Schreiben Sie doch nur noch auf Englisch, wir alten Leute begreifen sowieso nicht mehr, was in der Zeitung steht!

Herr H. aus Bitburg schlägt vor: Wenn ich den Volksfreund lese, muss ich viele Wörter erst mal googeln. Wie wär’s in Zukunft mit Arabisch, die Sprache ist ja stark im Kommen, dann können Sie Englisch langsam vergessen!

Liebe Frau B.,

lieber Herr H.,

Sie weisen auf ein zentrales Thema der Kommunikation hin: Verständlichkeit.

Wer will, dass seine Texte gelesen werden, muss dafür sorgen, dass die Leser das Geschriebene verstehen.

Mustergültig hat das vor 500 Jahren Martin Luther gelöst, der die Bibel aus den Gelehrtensprachen Althebräisch, Griechisch und Latein ins Deutsche übertrug und dabei „dem Volk aufs Maul“ schaute.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer forderte: Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.

Die Herausforderung für Zeitungsmacher, beispielhaft formuliert von dem Journalisten-Ausbilder Wolf Schneider: Schreibt in einer Sprache, die jeder verstehen kann, auch Hilfsarbeiter – ohne dass sich jedoch, und das ist die Kunst, der Professor durch Billigware beleidigt oder unterfordert fühlte. Vermeidet akademisch-bürokratischen Jargon, Blähwörter, Anglizismen, abgewetzte Modewörter, ausgeleierte Floskeln, Fremdwörter.

Es ist das Geschäft von Redakteuren, Texte so zu bearbeiten, dass die Leser etwas damit anfangen können, zu verklaren, was unklar ist, zu übersetzen, was unverständlich ist.

Im Grunde dreht es sich dabei immer um das Geheimnis der Kommunikation: Wie erreicht der Sender mit seiner Information den Empfänger?

Das Paradoxe: All die Aufregung über fremde Wörter, die angeblich „unser schönes Deutsch“ zerstören, ist vergebens – die deutsche Sprache besteht ja zu großen Teilen aus fremden Wörtern! Wörtern, die im Lauf der Jahrtausende aus dem Griechischen, Lateinischen, Französischen, Englischen und vielen anderen, ja sogar aus dem Inuktitut, der Sprache der Inuit (Anorak, Parka, Iglu, Eskimo), stibitzt worden sind. Oft merken wir das gar nicht mehr.

Sprache lebt, wie ein Organismus. Wörter entstehen, Wörter vergehen. Die Sprachnutzer, wir alle, produzieren sie. Wir denken uns ständig neue Begriffe aus, um Dinge zu benennen, die es bislang nicht gab. Gern bedienen wir uns in anderen Sprachen. Die Integration von Wörtern mit Migrationshintergrund ins Deutsche vollzieht sich schleichend. Was für uns heute vielleicht ungewohnt klingt, ist für die nächste oder übernächste Generation normal – oder längst wieder vergessen.

Spannend finde ich Ihre Anspielung, Herr H., auf die arabische Sprache. Gibt’s ja längst, die Einflüsse aufs Deutsche!

Wer Karl May gelesen hat, etwa die Erzählung „Durch die Wüste“, weiß, was ein Hadschi ist:  ein Muslim, der die Pilgerfahrt (Hadsch) nach Mekka unternommen hat – so wie Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der Gefährte von Kara ben Nemsi in Karl Mays Abenteuergeschichten.

Im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit sind viele Ausdrücke aus dem Arabischen in die deutsche Sprache eingewandert, meist über einen Umweg: Latein, Spanisch, Italienisch, Französisch. Hunderte Vokabeln. Religiöse Begriffe, die jeder identifizieren kann: Islam, Koran, Kalif, Moschee.

Aber auch solche Lehnwörter: Admiral (amir ar-rahl = Befehlshaber der Flotte), Alkohol (al-kuhl = Weingeist), Giraffe (zarafa = Giraffe), Haschisch (haschisch = Gras), Kabel (habl = Seil), Kaffee (qahwa = Kaffee), Koffer (quffa = Flechtkorb), Matratze (matrah = Platz, Kissen, Teppich), Mütze (mustaqah = Pelzmantel mit langen Ärmeln),   Razzia (gaziya = Kriegszug), Risiko (rizq = von Gottes Gnade abhängig), Safari (safar = Reise), Sahara (sahra’un = Wüste), Schachmatt (asch-scha mata = der König ist gestorben), Sofa (suffa = Ruhebank), Tarif (ta’rifa = Bekanntmachung), Zucker (sukkar = Zucker). Das sind, gefühlt, deutsche Wörter.

Über die Burka, den Ganzkörperschleier, wird aktuell gestritten. Das arabische Wort ist den Deutschen inzwischen geläufig, es ist sozusagen eingebürgert. Und wird, typisch für den Sprachwandel, in der neuen Heimat sogleich modelliert. So ist der Burkini entstanden, ein Kofferwort aus Burka und Bikini (den gesamten Körper verhüllende Badekleidung für Frauen).

Die Welt verändert sich, die Sprache verändert sich mit ihr. Manchmal geht’s ganz schnell. Auf Arabisch: Yalla! Yalla!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart