Alles. Oder nichts.

Jutta Just aus Trier schreibt: Was in München passierte, ist schlimm. Die Berichterstattung im Fernsehen war beängstigend. Es wurde spekuliert, analysiert, diskutiert und informiert. Es wurden Gerüchte (Stachus) aufgenommen und wieder fallen gelassen. Über Stunden ergab sich nichts Neues. Und darüber hat man immer wieder berichtet. Für mich wurde damit die unüberschaubare Lage immer beängstigender.

 Wäre es nicht besser gewesen, nach den ersten Informationen dem Zuschauer zu erklären, dass, wenn sich Neues ergibt, man sich wieder meldet?

Liebe Frau Just,

Anschlag mit einem Lastwagen in Nizza; Anschlag mit einer Axt in Würzburg, Anschlag mit einer Pistole in München, Anschlag mit einer Machete in Reutlingen, Anschlag mit einem Sprengsatz in Ansbach, Anschlag mit Messern in einer Kirche in der Normandie – viele Tote, viele Verletzte, die Schreckensbilanz weniger Tage.

Ist das jetzt die Apokalypse, wie ein deutsches Magazin posaunt? Gerät die Welt aus den Fugen? Alles schlimmer als je zuvor? Natürlich nicht.

Leben ist immer lebensgefährlich. (Erich Kästner)

Kriege und Krisen, Kämpfe und Katastrophen, Mord und Totschlag – das Böse jagt uns Angst ein, wir wollen so viel wie möglich darüber in Erfahrung bringen (um uns selbst schützen zu können); je mehr wir wissen, desto mehr gruseln wir uns: Kann es mich treffen? Die Antwort: Ja. Jederzeit. Überall.

Ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Der Sturz von der Haushaltsleiter. Eine Kokosnuss, die von der Palme fällt.

Manche Nachrichten wirken auf uns wie psychologische Bomben, etwa wenn kranke, verwirrte Typen (Amokläufer) ein Blutbad anrichten oder kranke, verwirrte Typen im Namen einer Religion oder Ideologie (Terroristen) metzeln und morden. Tag für Tag irre Taten. Diese Verdichtung der Ereignisse, diese Informationslawine verzögert den Verdrängungsprozess. Salopp gesagt: Es dauert länger als gewöhnlich, die Panik aus den Köpfen zu bekommen.

Und die Rolle der Medien? Nicht immer souverän, bisweilen problematisch. Sie bedienen die oben erwähnte Gier nach Neuigkeiten und heizen zugleich mit dem Hechel-hechel-Live-Eilmeldungs-Extrasendungs-Breaking-News-hechel-hechel-Fieber die Hysterie an.

Was vor hundert Jahren nicht in der Zeitung stand, hat – für die allermeisten Menschen – nicht stattgefunden, weil sie nie davon erfuhren. Eine Mordserie in der Mongolei? Eine Epidemie in Eritrea? Eine Todesschwadron in Togo? Keine Meldung, keine Aufregung.

Heute verbreiten Milliarden Erdlinge Milliarden Informationen. Alles, was passiert. Gerüchte rasen in Echtzeit durch die sozialen Netzwerke. Jeder weiß sofort alles. Oder nichts.

Um zu sortieren und einzuordnen, braucht’s emotionale Distanz und kühle Überlegung.

Also: entschleunigen; nicht in Hektik verfallen, wenn die Lage unübersichtlich ist; berichten, was ist, nicht was sein könnte; das nervöse Gezappel aus dem Netz nicht ungeprüft zur Nachricht aufblasen.

Ganz altmodisch: erst denken, dann reden. Oder, wie es der coole Münchner Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins ausdrückte: „Gebt uns doch mal die Chance, Fakten zu schaffen. Nicht spekulieren, nicht voneinander abschreiben.“

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart