Big-Bang-Theorie

Was ist eigentlich mit der Flüchtlingskrise, fragt Herr H. aus Trier. Lange nichts gehört, lange nichts gelesen.

Lieber Herr H.,

es ist, auf den ersten Blick, eigenartig. Flüchtlingskrise? War da mal was? Über Monate hat die Redaktion dieser Zeitung täglich berichtet, über Monate haben sich täglich „besorgte Bürger“ gemeldet, die in Mails und Briefen ihre Befürchtungen kundtaten, die öfters schimpften, bisweilen wüteten. Gegen die unfähigen Politiker. Gegen die Lügenpresse. Untergang des Abendlandes. All das. Und nun?

Das Thema hat sich nicht erledigt. Hunderte Kinder, Frauen und Männer verrecken im Mittelmeer, Tausende darben in Lagern, Zehntausende machen sich auf den Weg, irgendwo auf der Welt. Tag für Tag: Zehntausende, die davon träumen, dass es ihnen anderswo besser geht als in Damaskus, Mossul, Kabul, Mogadischu, Khartum, Juba, Kinshasa, Naypyidaw …

Die wenigsten dieser Menschen schaffen es nach Deutschland. Viel weniger als vor einem Jahr. Die Grenzen sind (wieder) dicht, die Aufregung hat sich gelegt, andere Angelegenheiten beherrschen die Schlagzeilen.

Eigenartig, diese Entwicklung? Auf den zweiten Blick nicht. Es ist der klassische Abwehrmechanismus, eine List der Psyche: Da taucht aus dem Nichts ein Riesending auf, fremd und bedrohlich, es verursacht Schnappatmung und Angst. Nach einiger Zeit beginnt die Verdrängung. Aus den Augen, aus dem Sinn, aus dem Bewusstsein.

Wissen Sie, warum ich Leute, die gegen Flüchtlinge hetzen, nicht mag? Weil ich selber von Migranten abstamme! Meine Urahnen kamen aus Afrika; sie zogen los, sie suchten das Glück. Damals, vor ein paar Hunderttausend Jahren.

Doofe Argumentation? Tja, das ist noch gar nichts gegen die Theorie, dass wir letztlich alle – Weiße, Schwarze, Gelbe, Rote, Christen, Muslime, Buddhisten, Atheisten – in der Ursuppe entstanden sind, aus chemischen Elementen. Neun Monate nach dem Big Bang. So ungefähr.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart