Von Ameisen und Blattläusen

„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Die Sätze des AfD-Manns Alexander Gauland, vor zwei Wochen von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) verbreitet, haben die Republik in Wallung versetzt und hallen immer noch nach.

Einige Volksfreund-Leser fragen: Wie ist das mit Hintergrundgesprächen zwischen Journalisten und Politikern? Sind die nun vertraulich oder nicht? Ist Gauland von den Medienleuten hereingelegt worden?

Liebe Leser,

ich will nicht nachtreten und auseinanderdröseln, wer wann was zu wem gesagt hat, wie dämlich das gewesen ist, wie enervierend und langweilig das mediale Theater, wie durchschaubar die Rituale der Skandalisierung und Empörung …

Stattdessen lieber einige grundsätzliche Anmerkungen: Gewiefte Politiker wie Alexander Gauland provozieren – denn das bringt Aufmerksamkeit. Gewiefte Journalisten greifen Provokationen von Politikern auf – denn das bringt Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit der Wähler, die Aufmerksamkeit der Leser/Zuschauer/Hörer.

Politik ohne Öffentlichkeit, Öffentlichkeit ohne Politik, das eine ist ohne das andere nicht vorstellbar. Eine Symbiose. Wie Clownfische und Seeanemonen. Oder Ameisen und Blattläuse. Wer da wen zu welchem Zweck braucht – oder missbraucht?!

Politiker teilen sich öffentlich mit: in Parlamentsreden, in Talkshows, in Zeitungsinterviews. Und Politiker teilen sich nichtöffentlich mit, zum Beispiel in Gesprächen mit Journalisten, „Hintergrund“ genannt.

Sie offenbaren ihre Pläne, Projekte, Positionen, sie streuen Informationen, sie platzieren Themen. Die Journalisten erfahren (besser: hoffen zu erfahren!), was demnächst auf der Agenda steht, wie der Oberbürgermeister tickt, was die Landesmutter vorhat, wie die Kanzlerin die Lage der Nation einschätzt.

Manchmal ist ein solcher „Hintergrund“ kaum mehr als eine harmlose Plauderei, manchmal springt eine exklusive Geschichte heraus. Manchmal verplappert sich ein Politiker, manchmal vergaloppiert sich ein Journalist in der Interpretation.

Üblich ist, dass beide Seiten vorher Spielregeln verabreden:

„Unter eins“: es darf zitiert werden, mit Quelle = Politiker äußert sich meist vorsichtig, „politisch korrekt“.

„Unter zwei“: kein direktes Zitat erlaubt, aber mit Formulierungen wie „verlautet aus Regierungskreisen“ oder „heißt es im Trierer Rathaus“ freigegeben = Politiker ist „geschützt“, verrät womöglich mehr als in einem klassischen Interview.

„Unter drei“: ausdrücklich für den Hinterkopf gedacht, oft genug aber mit der Absicht, dass die Infos an geeigneter Stelle in die Berichterstattung einfließen = Politiker zieht vom Leder, sagt, dass er seinen Parteivorsitzenden für eine Niete hält, tratscht über die Peinlichkeiten der Konkurrenz, lässt chauvinistische Sprüche über Fußballspieler raus, kurzum: erzählt Zeugs, das er keinesfalls in Verbindung mit seinem Namen in der Zeitung lesen möchte. Ohne Namen freilich, ohne dass er in Verdacht gerät, der Urheber zu sein – warum nicht, wenn es der Partei nützt, der Macht …

Ob Alexander Gauland mit der FAS unter eins, zwei oder drei palavert hat, weiß ich nicht.

Ich wette aber, dass er es – ungeachtet der Haue, die er einstecken musste – wieder tun würde, wenn er sich davon einen Vorteil verspricht.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart