Demokratie wagen – und ertragen!

Cornell Bach aus Trier schreibt: Lügenpresse? Okay, kein schönes Wort. Wie wäre es mit Unterschlagungs- oder Manipulationspresse? Jedenfalls hat der Volksfreund wieder zugeschlagen und einen wichtigen Satz aus der Rede von Joachim Gauck unterschlagen. Stimmt nicht? Dann schauen Sie sich bitte den Anhang an. Oder bin ich einer Medienente aufgesessen?

Sehr geehrter Herr Bach,

danke für den Hinweis und den mitgelieferten „Beweis“, ich zitiere den vermissten Gauck-Satz weiter hinten. Als Ihre Quelle habe ich den Nachrichtensender n-tv.de ausgemacht (Autoren: „hul/AFP“). Sie meinen also, dass der Volksfreund lügt und manipuliert, n-tv dagegen wahrhaftig informiert? Schauen wir uns den Fall an:

Die Rede des Bundespräsidenten zum Tag des Grundgesetzes ist exakt 19.716 Zeichen lang, etwa zwanzig Din-A4-Seiten, mehr als eine Seite in der Zeitung.

Wer über einen solch voluminösen Vortrag berichtet, muss aussieben, filtern, einzelne Aspekte herausstellen, zusammenfassen, einordnen. Das ist journalistisches Handwerk.

Der Bundespräsident hat am 23. Mai in Berlin vor mehr als siebenhundert Bürgermeistern gesprochen. Er hat etwas gesagt zum demokratischen Auftrag, zur Bedeutung der Kommunen, zum demografischen Wandel, zu Schulden und Renten, Freihandel und europäischer Einigung, Flucht und Einwanderung, Terrorismus und Kriegen im Osten und im Nahen Osten, Kita-Frühförderung und Meisterbrief, Strompreisen …

Würden wir die Ehrengäste befragen, an was sie sich erinnern, was von der Rede hängenblieb – es ergäbe sich wohl ein disparates Meinungsbild.

Die professionellen Berichterstatter konzentrierten sich auf Gaucks Generalthema: das Plädoyer für eine neue Streitkultur im Land, seine Sorge, dass „Wutgemeinschaften“ im Netz und auf der Straße, System-Feinde und Lügenpresse-Krakeeler die Demokratie „unterhöhlen“.

Diesen Schwerpunkt wählte auch der Korrespondent der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA); seinen Text haben Sie im Volksfreund gelesen (Ausgabe vom 24. Mai, Seite zwei). Gaucks richtiger und wichtiger Appell an die Medien, die eigene Arbeit kritisch zu reflektieren, kam darin nicht vor, ebenso wenig im Angebot der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Andere, etwa Agence France-Press (AFP), gingen darauf ein, die Basis für den Beitrag auf n-tv online.

Warum mal so, mal so? Weil es in Deutschland keine gesteuerte Presse gibt! Sondern unabhängige Journalisten, die frei entscheiden, was sie für berichtenswert halten! Und Leser, die sagen können, dürfen, sollen, was sie davon halten! Und Zeitungen, die all das abdrucken!

„Der öffentliche Diskurs ist nie perfekt, und er ist es auch in den vergangenen Jahrzehnten nicht gewesen“, dozierte Gauck. „In Politik und Medien hat es bisweilen die Tendenz gegeben, aus pädagogischem Antrieb heraus Diskussionen lieber einzuhegen – um dem vermeintlich Guten zum Durchbruch zu verhelfen und das vermeintlich Falsche nicht zu fördern. Aber mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch: Spannungen löst man nicht, indem man andere ausgrenzt und Meinungen stigmatisiert. Spannungen löst man durch Offenheit und durch Gegenargumente. Je überzeugender sie sind, umso weniger kann Stimmungsmache verfangen. Wir sollten, wie schon Willy Brandt mahnte, mehr Demokratie wagen. Auch wenn das für manchen heißen mag: mehr Demokratie ertragen.“

Warum sollte die Volksfreund-Redaktion diese weisen Worte verheimlichen, unterschlagen?!

Ich hätte noch einiges dazu zu sagen, aber die Kolumne ist zu Ende. Kein Platz mehr. Schluss. Aus. Feierabend. Mit einem Augenzwinkern: Den Rest muss ich Ihnen leider vorenthalten – der nächste Fall von Manipulation?!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

P.S.: Die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck zum Tag des Grundgesetzes im Wortlaut: http://bit.ly/1sNCt8C

 

 

2 Gedanken zu „Demokratie wagen – und ertragen!

  1. Halbe Wahrheiten – es gibt neben der russischen Pflegemafia die deutsche in der Selbstverwaltung – sind schlimmer als Lügen. Jüdisches Sprichwort.
    Und nichts sagen ist wie lügen.
    Wer verdient eigentlich an diesen „Respekt“ Aktionen bis zum St. Nimmerleinstag? Die Telekom?
    Auch ich hab keine Platz mehr.

  2. Damit die EU nicht an der Flüchtlingskrise zerbricht und die Reisefreiheit im Schengenraum weiterlebt, gibt es nur einen Ausweg: eine gemeinsame europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise. Mit einem wirksamen Schutz der europäischen Außengrenzen. Mit einer gerechteren Verteilung von Flüchtlingen und der Option, dass die unwilligen Länder sich anfangs freikaufen können. Und mit mehr europäischem Engagement in Syrien und an anderen Krisenorten.

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