Links? Rechts? Vorne!

Rückblende. 8. Juli 1949, ein besonderes Datum in der Geschichte dieser Zeitung: Der Trierische Volksfreund ist wieder der Trierische Volksfreund.

Von 1938 bis 1945 von den Nazis verboten, weil der Verleger Nikolaus Koch sich gegen die Gleichschaltung gewehrt hatte, nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst mit französischer Lizenz als Trierische Volkszeitung neu gegründet, prangt an jenem 8. Juli 1949, einem Freitag (und seitdem an jedem Erscheinungstag), der Traditionsname auf dem Titel: Trierischer Volksfreund. Darunter damals diese Zeile: „Seit sieben Jahrzehnten die fortschrittliche, unabhängige Heimatzeitung im Westen“. Ergänzt um: „Hort des freien Wortes und der unabhängigen Meinung“. Heute steht da: „Unabhängig – Überparteilich – Gegründet 1875“.

Ich will Ihre Aufmerksamkeit, liebe Leserin, lieber Leser, auf die Kernbotschaft lenken: Hort des freien Wortes (so altertümlich es klingen mag: das ist es, genau das ist es!), unabhängige Meinung, überparteilich.

Das hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, werden einige von Ihnen jetzt einwenden. Unabhängig? Überparteilich? Der Volksfreund ist doch links, ein rotes Blatt. Nein, rechts, schwarz gefärbt. Ach was, SPD-nah, total. Eine CDU-Postille, eindeutig. Ja, was denn nun?!

Jeden Tag lesen etwa 240.000 Menschen diese Zeitung. Drei Viertel halten die Berichterstattung für ausgewogen und kritisch-distanziert; ein Viertel sagt, dies treffe „eher nicht“ oder „gar nicht“ zu (Ergebnis einer Umfrage, über die wir am 7. April ausführlich berichtet haben http://bit.ly/1SEtGuJ). Verblüffend, wie gegensätzlich die Werturteile sind. Die meisten sagen: überparteilich, unabhängig, na klar, zweifellos. Manche sagen: links. Manche sagen: rechts. Manche sagen, dass „die Wahlhelfer der SPD“ aus der Redaktion entfernt werden sollten. Manche sagen, es sei höchste Zeit, „die Propaganda für die CDU“ einzustellen.

Komplett unterschiedliche Wahrnehmung derselben Sache – wie kommt das?

Es liegt daran, dass es sich bei diesen Einschätzungen um Meinungen handelt, nicht um Fakten oder Tatsachen. Eine Meinung kann nicht „richtig“ oder „falsch“ sein, sie lässt sich nicht überprüfen. Sage ich: Der Ferrari ist rot, hat vier Räder und 458 Pferdestärken, ist das Fakt, Tatsache. Sage ich: Der Ferrari ist schön (oder hässlich, egal), ist das eine Meinung. Nicht zu widerlegen. Andere können eine andere Meinung haben.

Der Leser sucht sich das heraus, was am besten zu seinen (Vor-)Urteilen passt, haben Medienforscher herausgefunden. Niemand geht an was auch immer „objektiv“ heran. Niemand. Der Soziologe Heinz Bude erklärt das so: Stimmungen sind meist stärker als Argumente. Stimmungen, die wie ein Filter wirken, durch den wir alles, was um uns herum geschieht, sehen und empfinden. Man kann nicht nicht gestimmt sein, hat der Philosoph Martin Heidegger gesagt. Mal drüber nachdenken, mal die Stimmung erkunden: Links? Rechts? Ach was – vorne!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart