Von Tintenstrolchen und Presskötern

„Darf eine Zeitung beschimpft werden? Darf der einfache Mann aus dem Volke, dem jene Erkenntnis über das Zeitungswesen mangelt […], darf einer, der ihr Wirken nicht durchschaut, dem aber endlich ein Ahnen die Augen geöffnet, dem dumpfen Gefühl von Abscheu und Ekel in einem Schimpfwort den erlösenden Ausdruck geben?“ Das fragte sich Karl Kraus (1874-1936), Polemiker, Dichter, Sprach- und Kulturwächter, und lieferte die Antwort in einem Aufsatz, 1902 publiziert, gleich mit: ja, jeder darf.

Vorsicht, Satire! Genau wie das Vokabular, mit dem Kraus den Hetzjournalismus seiner Zeit geißelte: Tintenstrolche, Fanghunde der öffentlichen Meinung, Pressköter und Presshyänen, Presshorde, Saupresse, Pressmaffia (interessant: mit zwei „f“) und vor allem Journaille. Mit der Satire war es vorbei, als die Nazis die Kraus’sche Journaille zur Erfüllungsjournaille, Dolchstoßjournaille und Judenjournaille pervertierten.

In direkter Abstammungslinie der Fascho-Propaganda steht das Geplärre von der Lügenpresse oder, vermeintlich vornehmer AfD-Sprech, Pinocchio-Presse, mit dem sich die Medien heutzutage konfrontiert sehen.

Immer lauter tönt das Geschrei, im Netz, auch in Zuschriften an den Volksfreund. Schrill, grell, geifernd, raubauzig. Gegenstimmen? Gibt es, gibt es durchaus. – Zwei Beispiele:

Helmut Birnfeld schreibt zur Kolumne „Kopfgeburten“: Sehr geehrter Herr Reinhart, mein Kompliment für Ihren wirklich höflichen Umgang mit Frau W. Es ist erstaunlich, mit welchem Langmut sie von Ihnen behandelt wird, obwohl sich ihr Elaborat nur für den Papierkorb eignet und die von ihr getätigten Beleidigungen der gesamten Redaktion des TV gegenüber sicherlich für eine Strafanzeige reichen würden! Chapeau, dass Sie auch solchen unqualifizierten Machwerken mit Distanz begegnen und die Form wahren.

Der von Frau W. verwendete Ausdruck „Lügenpresse“ kommt mir  sehr bekannt vor, wird er doch in letzter Zeit von einem bestimmten politischen Lager gezielt eingesetzt … Fazit der gesamten Ausführungen von Frau W. ist demnach: Die einzig wahren Informationen über unseren politischen Status kommen aus dem Internet , in diesem Fall nur von News Top- Aktuell, in Wirklichkeit von einem gewissen Ken Davis, der diesen  Künstlernamen einsetzt, um vielleicht von seiner wahren Identität als Mathias Langer abzulenken. Frau W. wäre in diesem Zusammenhang unbedingt zu empfehlen, doch auch im Internet, in dem wir alle bekanntlich nur die reine Wahrheit finden, den Gerüchten über die angeblich  gar nicht existierende Stadt Bielefeld nachzugehen und auch den Standort des prominenten Ortes Stenkelfeld zu ermitteln, der höchst wahrscheinlich auch in dieser Gegend gelegen sein könnte, wo laut Internet höchst seltsame Ereignisse permanent stattfinden …

Ich selbst werde für meinen Teil jedenfalls auch weiterhin die für mich wichtigen Informationen der von Frau W. so genannten „Lügenpresse“ entnehmen und bin froh, dabei auf die ausgesprochen vielseitige und umfangreiche Presselandschaft in der Bundesrepublik zurückgreifen zu können, um die uns manche Leser in bestimmten anderen Staaten nur beneiden können.

Daniela Deller schreibt zur Kolumne „Ein Fall ist ein Fall ist ein Fall“: Sehr geehrter Herr Reinhart, vielen Dank für Ihre sachliche und konstruktive Antwort auf den Leserbrief von Herrn Postma. Es hat sehr gut getan, zu lesen, wie ein Chefredakteur (als Sprachrohr für sein Team) „tickt“. Es ist sicher zum Teil einfach „ohne Worte“, was Sie und Ihre Mitarbeiter sich zurzeit in irgendwelchen Blogs anhören müssen. Danke, dass Sie so etwas schreiben. Danke für die sachliche Berichterstattung zum Thema „Flüchtlinge“. Danke für Ihre Arbeit.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart