Ein Fall ist ein Fall ist ein Fall

Zur Debatte um „Lügenpresse“, „Maulkorb“ und „Vertuschen“ meint Uwe Postma aus Trier: Der Volksfreund schreibt über neue Dimensionen der Gewalt in der Kölner Silvesternacht. Wieso neu? Die Vorfälle schockieren die Republik. Zu Recht. Wie müssen sich Frauen fühlen, wenn sie von Horden von Männern eingeschlossen, verhöhnt und begrapscht werden? Abgesehen von der unvorstellbaren Erniedrigung und der Angst, wozu diese Männer noch imstande sind.

Der Trierer Polizeipräsident Lothar Schömann hat im Volksfreund gesagt, dass es „nur annähernd vergleichbare Ereignisse“ in unserer Region nicht gegeben hätte. Dem muss ich widersprechen. Vor etwas mehr als einem Jahr berichtete der TV von einem massiven sexuellen Angriff auf eine hochschwangere Frau, welche in der Trierer Innenstadt nachts eine Notapotheke aufsuchte. Als ihr Freund ihr zu Hilfe eilte, wurden beide zusammengeschlagen. Die drei Täter wurden noch in dieser Nacht festgenommen. Es handelte sich um drei ägyptische Asylbewerber. Ich habe weder von der Polizei, der Staatsanwaltschaft oder den Medien jemals wieder etwas über den Ausgang des Verfahrens gehört (Maulkorb?). Vor etwa eineinhalb oder zwei Jahren berichtete der TV über eine Vergewaltigung im Bereich Trier Nord, Nells Park. Hier erfolgte wiederum keine nachträgliche Berichterstattung, womöglich weil der Täter ein somalischer Asylbegehrender war.

Der TV berichtet bei anderen, gravierenden Straftaten doch auch immer über das Verfahren und den Ausgang (siehe Laura-Marie und unzählige andere Berichte). Warum erfolgte hier keine Berichterstattung? War es der Tatsache geschuldet, dass es sich bei den Tätern um Asylbegehrende handelt? Sollte die Bevölkerung angesichts der hohen Zahlen von Asylbegehrenden in Trier hiervon nichts mehr erfahren und „ruhiggestellt“ werden? Was ist mit den Tätern geschehen? Wurden sie verurteilt? Wurden sie abgeschoben? Alles Fragen, die den mündigen Bürger in Angesicht der Kölner Silvesternacht brennend interessieren. Hätte man in Trier reagiert, informiert und gehandelt (anstatt zu vertuschen), wären möglicherweise Vorfälle wie Köln im Vorfeld absehbar und zu verhindern gewesen.

Nichtsdestotrotz ist die Bildung von Bürgerwehren kein probates Mittel. Hier hilft nur eine massive Aufstockung der Polizei und der Staatsanwaltschaften.

Lieber Herr Postma,

Sie werfen spannende Fragen auf. Einige lassen sich beantworten, andere führen abermals zu Fragen. Der Reihe nach.

Ein Exzess wie an Silvester in Köln hat sich in der Bundesrepublik nie zuvor ereignet. Also: definitiv eine neue Dimension. Fast einen Monat danach ist noch immer unklar, wie es dazu kam, was dahintersteckt, wer die Täter waren. Die Polizei hat verspätet und widersprüchlich informiert, die Medien haben verspätet und widersprüchlich berichtet. Eine Kette von Fehlern, aber kein „Schweigekartell“, nach allem, was wir wissen. Jetzt fahnden die Fahnder, jetzt recherchieren die Rechercheure, um den Skandal aufzuklären.

Indes bangen viele Bürger, weil plötzlich hinter jeder Ecke ein Verbrecher zu lauern scheint. Köln ist überall.

Die Verunsicherung, die Sorge ist verständlich, die hysterische Empörung über die angebliche Mentalität arabischer Männer (Grapscher, Sexmonster, Diebe) fatal. Diese Ressentiments, dieser Rassismus. Und dieser üble Generalverdacht: Einige sind böse = alle sind böse. Nordafrikaner, Muslime, Flüchtlinge, Asylbewerber. Alle. Was soll das?!

„Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden“, heißt es im Pressekodex, Ziffer 12. Und weiter: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Warum steht das so explizit in den Empfehlungen des Presserats? Um Kriminelle zu schonen? Nein. Als Mahnung und Erinnerung an eine historische Schuld, die auch die deutsche Publizistik trifft: Hitler ließ Juden, Sinti und Roma in den gleichgeschalteten Zeitungen der Nazi-Diktatur diffamieren und dämonisieren – und bereitete so das Abschlachten von Millionen Menschen in Konzentrationslagern vor. Was damals angerichtet worden ist, darf sich nie wiederholen.

In den zwanziger und dreißiger Jahren entlud sich die Aggressivität der Wirrköpfe in Saalschlachten. So ähnlich mutet das an, was heute in den sozialen Netzwerken abgeht. Wüste Pöbeleien, immer feste druff. Hass und Hetze wuchern wie Geschwüre. Und erzeugen in kranken Hirnen eine Pogromstimmung.

Einige Muslime haben Böses getan? Ja, das passiert, leider, ein Fall für den Rechtsstaat. Daraus zu schließen, dass alle Muslime böse seien, ist dumm und gefährlich. Einige Journalisten haben Mist gebaut? Ja, das passiert, daraus gilt es zu lernen.

Um die Silvesternacht-Krawalle zu verstehen und zu bewerten, ist es wichtig, den kulturellen Hintergrund der mutmaßlichen Unholde zu kennen und öffentlich zu benennen. Das tut, nach einigem Hin und Her, die Polizei, und das tun die Medien. Weil das bei der Fahndung hilft, ähnlich wie die üblichen Hinweise auf Sprache, Dialekt oder Aussehen. Und weil das den möglichen Schlüssel für die Deutung des Geschehens liefert.

In anderen Beispielen ist es für die Verfolgung und Überführung von Verdächtigen oder die Bestrafung von Tätern nicht zwingend, zu offenbaren, von wo sie stammen. Prügelnde Ägypter in Trier? Ein somalischer Vergewaltiger? War das wirklich so, Herr Postma? Ist es nötig, die Herkunft der Männer zu erörtern, wenn sie für die Vorwürfe unerheblich ist? Sie ist bei Deutschen, die prügeln oder vergewaltigen, auch kein Thema.

Journalisten müssen jedes Mal abwägen und entscheiden. Was gehört zu einer Geschichte, wie könnte sie sich zugetragen haben, welche Fakten sind wesentlich, was diskriminiert vielleicht Verdächtige oder Täter (und Opfer), was ist juristisch erlaubt (Persönlichkeitsrecht)? Ein Fall ist ein Fall ist ein Fall.

Die Berichterstattung über Kriminalität stützt sich auf Pressemitteilungen der Polizei und/oder der Staatsanwaltschaft. Das ist ein Problem. Was geben die Behörden preis? Melden sie alle Delikte? Halten sie etwas zurück, aus ermittlungstaktischen Gründen oder weil sie im Dunkeln tappen?

Es ist schwierig, das zu prüfen. Journalisten haben selten Einblick in die Akten, Journalisten sind selten Augenzeugen krimineller Machenschaften. Also berichten sie aus der Distanz und – hoffentlich (!) – mit Distanz. Hauptquelle: die Ermittler. Die sagen, es sei so oder so gewesen, und die Journalisten versuchen, das einzuordnen. Wenn möglich (und vorhanden), werden weitere Quellen angezapft. Hängt von der Schwere des Falls ab. Mord und Totschlag ja, abgeschlagener Außenspiegel nein.

Mancher Fall wird gelöst, mancher nicht. Und mancher ist gar keiner, weil sich jemand aufplustert und zum Beispiel einen Überfall vortäuscht.

Die Reporter bleiben dran an spektakulären Straftaten, die für das Publikum besonders interessant sein dürften. Dagegen verschwinden kleine, banale Polizeimeldungen – täglich Dutzende in der Region Trier – schnell vom Schirm. Sie werden als wenig bedeutsam eingeschätzt und schlicht vergessen. Bisweilen ein Irrtum, wie sich im Nachhinein herausstellt. Und ärgerlich, weil womöglich die eine oder andere packende Geschichte futsch ist.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Ein Fall ist ein Fall ist ein Fall

  1. Hallo Herr Reinhard,
    erst mal gute Besserung! Hier mal ein Lied für Sie zur Erholung und zur Bewusstseinserweiterung für Sie speziell das Musikstück „Afterglow von Genesis“ zu sehen wie so vieles auf You tube. Na ja, viel Spass beim zusehen. Vielen Dank an die Engländer und auch Amerikaner, die nicht nur für ihre unbeschreiblich gute Musik bekannt sind sondern auch dafür, dass Sie uns von den Nazis befreit hatten wobei ich noch überlege, ob es die Deutschen überhaupt so human vedient hatten, lg. euer Michael, weiteren Fragen stehe ich gerne zur Verfügung, weiteres folgt noch, insbesondere zu eurem kleinen emotionslosen Bericht über die Messerattacke einer 15 jährigen Schülerin gegenüber einem Polizisten, ohne Erwähnung jeglicher Hintergründe, und eurem großen Bericht über einen Parkverstoß eines Polizisten, aber das geht wohl an andere Zeitungen.

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