Per ordre de Mutti

Neulich, im „Sprachlabor“ der Süddeutschen Zeitung: Die Nerven der Leser sind uns nicht heilig, aber so kostbar, dass wir nicht unnötig darauf herumtrampeln wollen. Bei Herrn N. ist es trotzdem passiert, leider sogar mehrmals, und zwar durch den Gebrauch von ansonsten im Sinne von andernfalls  …

Lieber Hermann Unterstöger, gefällt mir, wie Sie bei der Süddeutschen auf Beschwerden über sprachliche Schludrigkeiten reagieren. Das unterschreibe ich genauso für den Volksfreund: Wir wollen nicht auf den Nerven der Leser herumtrampeln. Und trotzdem passiert es. Ansonsten. Andernfalls. Und überhaupt.

Weil uns Unvollkommenen und Fehlbaren die wunderlichsten Malheurs widerfahren! Wie schnell ist ein Buchstabe verdreht, verschluckt, versemmelt – und keiner merkt’s, trotz Kontrollen und Kontrollen und Kontrollen. Das ist ärgerlich, manchmal auch zum Schreien komisch.

Jörg Lehn, der Chef-Lektor des Volksfreunds, weiß ein Liedchen davon zu singen; seine Sammlung hohler Phrasen ist legendär. Traditionell werfen wir zum Jahreswechsel einen Blick darauf. Hier also einige Fundstücke aus der Lehn’schen Hexenküche, die beim Korrekturlesen aufgefallen sind und – zum Glück! – nicht in die Zeitung gelangten, verpackt in eine klitzekleine Geschichte voller Fähler:

Mit Lachssalven ist diesmal nicht zu rechnen. Was für ein schlimmes Jahr: Im Nahen Osten wütet die islamistische Terrormilz, Attentäter verbreiten Angst und Schecken in Europa, überall werden Menschenleben getötet, die Angeörigen trauern. Es ist ein Jammer.

Dazu die Flüchtlingskriese. „Wir schaffen das“, verspricht die Bundeskanzlerien, und erklärt das Thema zur Chefasche. Per ordre de Mutti, sozusagen.

Uiuiui, danach geht es auf dem bundesdeutlichen politischen Parkett hoch her. Mancher Mister im Kabinett, so wird betrichtet, soll sich vor Angst beinahe in die Buchs gesch… haben.

Was für eine Bewährungsrobe für Angela Merkel! Sie muss Frechheiten abhören, sie sieht ihre Beleibtheit schwinden. Aber sie krempelt die Arme hoch, fordert mehr Chorgeist von ihrer Partei – und von der bockigen Schwester in Bayern.

Deren Boss ist Horst Seehofer, ein Mann, der Schaum mit scharfen Messern schneidet und triefgreifende Änderungen anmahnt: Deutschland könne nicht der Gasteber für alle Mühseligen und Beladenen der Welt sein. Das friedliche Zusammenkleben sei gefährdet.

Ständig biegt der Bayern-Bazi, ein schlauer Lausprecher, mit neuen Verschlägen um die Ecke. Das kennt man ja von ihm: Bereuungsgeld, Mütterente, Renteneinrittsalter, Verbaucherschutz, Tarifabschuss, der Milchpreis im Zinkflug, Sparmaßnamen – immer wieder macht sich Seehofer zum Horst. Getreu dem Motto: Glück ist ein Parfüm, das du nicht auf andere sprühen kannst, ohne selbst einen Tropen abzubekommen.

Verglichen mit derlei Allotria ist Rheinland-Pfals unter Ministerpräsidentin Malu Trier ein Hort des Friedens, der Freude und des Eierkuchens. Wo sich die Jugendfeuerwehren im Zehkampf messen, wo Frühlingslider zu Gehör gebracht werden, wo allenfalls über Gewebegebiete oder Wundkraftanlagen gestritten wird. Alles brav dokumentiert vom Statischen Landesamt.

Lust but not least: Gähnende Lehre. Und was lernen wir daraus? Sind die Zeiten noch so trüb: Ein bisschen Spaß muss sein. Bleiben Sie heiter.

Danke, Jörg Lehn, liebes Lektorat, dass diese gemeinen Wechsstabenverbuchsler nicht original im Blatt waren …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Per ordre de Mutti

  1. Wenn wir keine anderen Sorgen haben… Da störe ich mich nicht an Dezifixen von Lektoren.
    Frau Merkel sollte Nebensätze bilden.
    Ein Nebensatz sollte sich an den Hauptsatz anschließen. Wir schaffen es, weil…
    So sieht es Urban Priol. Interessanter und auch ehrlicher: „Wir schaffen es, obwohl…..Das zeigt die Versäumnisse und weist darauf hin, was sich ändern muss: Diese Parolen bringen generell aber ja nicht weiter
    Wenn wir dran denken, wie lange wir uns mit dem abstrakten :“Der Islam gehört zu Deutschland“ beschäftigt haben. Menschen, die sich integrieren sollen, sollten ja wohl dann auch logischerweise ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln. Und wenn die dann eben Muslime sind, dann ist das eben so. Also: Menschen mit muslimischen Glauben, die in Deutschland leben, gehören zum Land. Was denn sonst?
    Mal abwarten, welche Parolen und Sprüche demnächst auf uns warten.
    Zur Pflegesituation – VDK Klage scheint zu scheitern – keine Sprüche. Was denn auch? Nicht dran rühren, fast schon vergessen. „100 Prozent Pflege“ fordert eine Imagekampagne der bayerischen Kirchen. Nix dagegen.
    Neuer Flüchtlingsslogan: 100 Prozent Integration? Auch richtig.
    100 Prozent Edeka, 100 Prozent Rheinland-Pfalz, 100 Prozent dies und das.
    Scheinen alle dieselbe Werbeagentur zu haben.
    Drunter tun wir es ja nicht. 100 Prozent dummes Geschwafel statt Taten.
    Malu Dreyer als „Pionierin der Pflege“ bringt etwas DDR Aufbruchsstimmung und Pioniergeist ins System – wenn dies alles überhaupt jemand ernst nimmt.
    Interessante Randbemerkung dazu: Missbrauchsopfer aus den DDR Kinderheimen – so die Forderung – sollen mal nicht ins Altenheim. Aha!
    Und was ist mit den armen Chorknaben, den Opfern der schön im Wald gelegenen Internate? Nie was mitbekommen, nie was gewusst.
    Epoche der Entlarvung. Da muss man schon viel Humor haben.
    Kommt ja einiges im Wahljahr auf die Rheinland-Pfälzer zu.
    Wir wäre es mit: Vorwärts immer, rückwärts nimmer? Wir sind ja so zukunftsdenkend. In der Gegenwart funktioniert es halt nicht. Aber in der Zukunft dann bestimmt.

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