Schön geschachtelt

Leser Franz K. ärgert sich über Grammatikfehler: Ein Satz besteht doch aus Subjekt, Prädikat und Objekt, oder?! Das habe ich jedenfalls in der Schule gelernt. Warum lese ich in der Zeitung ständig verstümmelte Sätze? Finden Sie das etwa gut?

Lieber Herr K.,

es gibt keine Sprachpolizei, die über den korrekten Satzbau wacht. Wäre auch sinnlos, denn: Jeder kann schreiben oder sprechen, wie er will. Lange Sätze, kurze Sätze, vollständige Sätze, unvollständige Sätze – erlaubt ist, was gefällt. Und entscheidend ist, was ankommt.

Sender sendet Nachricht, Empfänger empfängt Nachricht und interpretiert sie – das Grundmodell der Kommunikation. Machen wir alle jeden Tag, jede Stunde, jede Minute (außer, vielleicht, im Schlaf).

Sender überlegt, wie seine Nachricht am besten zum Empfänger gelangt: Übermittle Information, sorge dafür, dass Information entschlüsselt wird, bedenke, welche Wirkung Information hat.

Sender und Empfänger verständigen sich mittels Zeichen oder Sprache. Sie bedienen sich eines Systems, das die Kommunikation ordnet: die Grammatik. Ein Teil davon, die Syntax, beschreibt, wie Sätze zu bauen sind. Wer sich einigermaßen daran hält, darf darauf vertrauen, dass seine Nachricht wie gewünscht erfasst wird. Ob schulbuchmäßig mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Oder ohne.

Das System ist nicht starr, es lässt Spielraum. Wie Fußballregeln, die den Kickern verbieten, sich vors Schienbein zu treten, aber nicht diktieren, wie der Ball ins Tor zu befördern ist. Hau rein is’ Tango, tu ihn rein is’ Cha-Cha-Cha …

Weil wir über immer weniger Zeit verfügen, verändert sich die Sprache: Die Tendenz geht zur Verdichtung und Verknappung, zur konzentrierten Information.

Johann Wolfgang von Goethe drechselte seine Sätze aus 30 bis 36 Wörtern. Laaaaange Sätze. Seine Leser hatten: Muße, unendliche Muße.

Zweihundert Jahre später wirken Zeitungsberichte oft wie Kurznachrichten: ein Dutzend Wörter pro Satz. Optimal, sagen Forscher, für gehetzte Leser, die nur noch begrenzt aufnahme- und merkfähig seien.

Kurze Sätze beschleunigen den Lesefluss. Treiben Texte voran. Erzeugen Dynamik. Tempo. Spannung. Zack. Zack. Zack.

Lange Sätze, die Wörter sorgsam geschachtelt, übereinander getürmt zu fragilen, gleichwohl ausbalancierten Gebilden und in barocker Manier mit Girlanden verziert, Buchstabenfresser wie Eierschalensollbruchstellenverursacher eingestreut, verlangen dem Leser, bewusst entschleunigend, ein hohes Maß an Geduld ab, was diesen freilich, auf den Schlusspunkt neugierig, kaum davon abhält, dem Gedankengang zu folgen, der, das wird deutlich, nichts weiter bezweckt, als zu veranschaulichen, welche mäandernden Muster sogenannte Bandwurmsätze, und hier ist die Gelegenheit, den Begriff Hypotaxe, die Unterordnung von Nebensätzen unter Hauptsätze, im Gegensatz zur Parataxe, einzuführen, wie sie Heinrich von Kleist und Thomas Mann zu höchster Vollendung verzwirbelten, oder, um ein neueres Beispiel vorzustellen, Wolfgang Hildesheimer, der in den „Mitteilungen an Max“ fabuliert, wieder sei ein Jahr vergangen und allmählich werde ihm dieser ewig währende Zyklus ein wenig leid, wozu verschiedene Faktoren, deren Urheber er in diesem Zusammenhang, um sich keinen Unannehmlichkeiten, deren Folgen, die in Kauf zu nehmen er, der er gerne Frieden halte, gezwungen wäre, nicht absehbar wären, auszusetzen, nicht nennen möchte, beitragen, bilden.

Alles klar? Kurt Tucholsky ulkte in „Ratschläge für einen schlechten Redner“: „Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinander geschachtelt, sodass der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet.“

Derselbe Autor in „Ratschläge für einen guten Redner“: Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze.

Schöne Grüße

Peter Reinhart