Der Weihnachtsohrwurm

Na, wo ist er Ihnen begegnet? Dieser Dings, der Santa, also, der, nun ja, der Weihnachtsohrwurm. Was denn, Sie haben sein Singen, Jauchzen und Frohlocken nicht gehört? Unmöglich!

Süßer die Glocken o du fröhliche ihr Kinderlein kommet Jingle Bells alle Jahre wieder lasst uns froh und munter sein o Tannenbaum stille Nacht heilige Nacht we wish you a merry Christmas leise rieselt der Schnee last Christmas kling Glöckchen klingelingeling.

Der Weihnachtsohrwurm kriecht aus dem Radio. Er schmachtet im Kaufhaus. Er schwebt über dem Weihnachtsmarkt, neben der Bratwurstglühweindunstwolke, und säuselt: Süßer die Glocken …

Die einen lieben den Weihnachtsohrwurm, die anderen wünschen ihn nach Jottwehdeh.

Er hat’s nicht leicht, der Weihnachtsohrwurm. Vielleicht würde er lieber in einer anderen Liga spielen. Und Shakespeare zitieren, zum Beispiel. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

Hey,  Weihnachtsohrwurm, ist das nicht zu pathetisch? Sein oder Nichtsein? Geht’s noch?

An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu. Sehr weise, Weihnachtsohrwurm. Hamlet. Aber muss das jetzt wirklich sein?

Ja, muss, sagt der Weihnachtsohrwurm. Die einen lieben mich, die anderen wünschen mich nach Jottwehdeh. Es ist immer dasselbe. Dafür, dagegen. Wäre viel schlauer, wenn die Menschen mal darüber nachdenken würden, was dazwischen ist. Das verpassen nämlich viele. Stimmt, Weihnachtsohrwurm.

Schwarz und Weiß. Arm und Reich. Groß und Klein. Dick und Doof, ähh, Dünn. Heiß und Kalt. Süß und Sauer. Richtig und Falsch. Schön und Hässlich. Oben und Unten. Hoch und Tief. Lustig und Traurig. Positiv und Negativ. Lechts und Rinks. Yin und Yang. Adam und Eva. Beatles und Stones. Ronaldo und Messi. Materie und Geist. Leben und Tod. Diesseits und Jenseits. Himmel und Hölle. Gut und Böse. Sein und Nichtsein.

Gegensätze. Die Welt ist voller Gegensätze. Dabei kann das eine nicht ohne das andere. Ohne Schwarz kein Weiß. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, die Grautöne zu entdecken, ein bisschen toleranter, gelassener, souveräner zu sein – und sich nicht blindlings auf die eine oder andere Seite zu schlagen.

Danke, Weihnachtsohrwurm.

Ihnen eine schöne, entspannte, besinnliche Zeit! Nach den Weihnachtstagen sehen, hören, schreiben, lesen wir uns wieder.

Peter Reinhart

Eigentlich

Eigentlich fange ich Texte nicht mit eigentlich an. Eigentlich ist ein Füllwort. Überflüssig.

Eigentlich will ich etwas anderes schreiben. Ich komme nur nicht dazu, nicht einmal uneigentlich. Weil ich auf etwas eingehen muss (aus gegebenem Anlass), das eigentlich oft genug besprochen worden ist. Also:

Verehrte Parteifunktionäre,

in Rheinland-Pfalz ist Wahlkampf, und ich weiß, wie groß die Verlockung ist, die Meinungsspalten der Zeitung als Vehikel für politische Kampagnen und Schleichwerbung in eigener Sache zu nutzen. Wenn Sie, sagen wir mal, Kreisvorsitzender oder Schriftführer der Alternative für Deutschland sind, erwarten Sie bitte nicht, dass wir Zuschriften abdrucken, in denen Sie in leuchtenden Farben ausmalen, wie großartig die AfD ist. Es gilt, für Amts- und Mandatsträger aller Parteien:

Keine! Propaganda! In! Leserbriefen!

Diese Ansage ist alternativlos, und eigentlich ist ihr nichts hinzuzufügen. Ich könnte mich jetzt dem Eigentlichen widmen. Zum Beispiel Heidegger und seinen Kategorien von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit.  Oder Adorno, dem Erfinder des Jargons der Eigentlichkeit. Aber die Kolumne, die eigentlich zwei Spalten hat [Anmerkung: in der gedruckten Ur-Form], ist diesmal kürzer. Und eigentlich schon: zu Ende.

Schöne Grüße, eigentlich

Peter Reinhart

Schön geschachtelt

Leser Franz K. ärgert sich über Grammatikfehler: Ein Satz besteht doch aus Subjekt, Prädikat und Objekt, oder?! Das habe ich jedenfalls in der Schule gelernt. Warum lese ich in der Zeitung ständig verstümmelte Sätze? Finden Sie das etwa gut?

Lieber Herr K.,

es gibt keine Sprachpolizei, die über den korrekten Satzbau wacht. Wäre auch sinnlos, denn: Jeder kann schreiben oder sprechen, wie er will. Lange Sätze, kurze Sätze, vollständige Sätze, unvollständige Sätze – erlaubt ist, was gefällt. Und entscheidend ist, was ankommt.

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