Übelst Weltraum

Max-Merlin Ries aus Trier schreibt: Das „Jugendwort des Jahres 2015“ steht also fest: Smombie, eine Zusammensetzung der Wörter Smartphone und Zombie. Damit wird eine Person beschrieben, die so sehr auf ihr Smartphone fixiert ist, dass sie die Dinge um sich herum nicht mehr wahrnimmt.

Was mich als 17-Jährigen wundert: Vom Jugendwort des Jahres erfahre ich immer erst, wenn es veröffentlicht wird. Vorher habe ich es noch nie gehört, weder auf dem Schulhof noch im Bus oder in der Stadt. Mich interessiert, woher die Juroren diese Wörter nehmen. Surfen die Kritiker auf irgendwelchen Internetseiten und wählen das verrückteste Wort, das Sie finden können? Oder fragen sie Schüler im Unterricht?

Mich macht es ein wenig traurig, dass ein Wort mit solch einer Bedeutung, aus welchen Gründen auch immer, gewählt worden ist. In meinen Augen diskriminiert es die Jugend, alle werden über einen Kamm geschoren.

Trotzdem habe ich Smombie in meinen Wortschatz aufgenommen, wenn auch nur, um mich darüber lustig zu machen.

Anscheinend hat ein Großteil der Juroren keine Ahnung, wie wir Jugendlichen reden, und dass sich unsere „Sprache“ kaum von Hochdeutsch unterscheidet.

Lieber Max-Merlin Ries,

#omg, same here (so geht’s mir auch): Der erkenntnistheoretische Gewinn des Wettbewerbs um das „Jugendwort des Jahres“ hält sich in Grenzen; es ist eine clever inszenierte PR-Aktion des Langenscheidt Verlags. Der jazzt den Contest zum Hype hoch. Und die Medien berichten fleißig: Smombie (2015),  Läuft bei dir (2014), Babo (2013), Yolo (2012), Swag (2011), Niveaulimbo (2010), hartzen (2009), Gammelfleischparty (2008).

Braucht kein Mensch, ist immerhin unterhaltsam, witzig, anregend. Enterbrainment.

Im Wörterbuch „100% Jugendsprache“, das Langenscheidt als „Kult-Standardwerk“ verkauft, stehen über 700 Ausdrücke, die – angeblich – „bei den Kidz […] auf keinsten im fancy Wortschatz fehlen dürfen“. Von A wie Alpha Kevin bis Z wie zerfeiern, „von Jugendlichen für Jugendliche und alle, die wissen wollen, was der heißeste Shit ist“. Ziemlich crank (erstaunlich), dieser Shizzl (unnützer Kram). Übelst Weltraum (sehr geil, kaum zu glauben). Wirkt leider total gescriptet (erfunden), um zu huzzlen (Geld zu machen). Komme mir vor wie ein Tronkel (Idiot), ein Hüftharry (Mensch mit ungeschickten Bewegungsabläufen), der’s nicht mal schafft, den Kaffeesatzbehälter unfallfrei in den Mülleimer zu leeren. Awkward (peinlich), voll die Antikompetenz.

So spricht doch niemand, oder?! Blub (keine Ahnung). Genug geschmoppselt (eine nervige Sache beschreiben). Also klassisch in den FAQs nachgeschaut (Frequently Asked Questions – häufig gestellte Fragen):

Jeder kann Vorschläge auf der Seite www.jugendwort.de einreichen, 3000 waren es zuletzt.

Wer wählt? Zuerst stimmen die User im Netz ab, dann legt die zwanzigköpfige Jury los. Wissenschaftler, Lehrer, Schüler, Musiker, YouTuber wie Die Lochis und X-Laeta. Zwei Wahlgänge, zwei Abstimmungsrunden. Bewertet werden: Kreativität, Originalität, Verbreitungsgrad, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse. Diesmal in den Top 10: merkeln, rumoxidieren, Earthporn, Smombie, bambus, Tinderella, Discopumper, Swaggetarier, Augentinnitus, shippen. Der zwischenzeitlich in Führung liegende Alpha Kevin (der Dümmste von allen) ist rausgenommen worden. Politisch nicht korrekt.

Wie „jugendlich“ sind die Jugendwörter? Langenscheidt meint: sehr. Weil von jungen Leuten nominiert. Nun ja. Auf der Website posten überwiegend anonyme Alphabeten wie Laulix, Lord Himbert oder Max Muster. Und Alpha Kevin.

Die eine „allumfassende“ Jugendsprache gibt es eh nicht. Das sei wie bei Dialekten, sagen die Organisatoren: Was Schüler in Hamburg auf dem Pausenhof schnacken, ist in Trier womöglich unbekannt. Und trotzdem irgendwie zu verstehen …

Darauf einen Eskimo-Flip (ein Glas kaltes Leitungswasser) und: Alles Geile (alles Gute)!

Peter Reinhart