Löcher im Käse

Martina Lenzen aus München schreibt zur Kolumne „Wörter und Unwörter“ (TV vom 7./8. November): Papst Franziskus und auch Papst Benedikt nennen den Umgang mit alten Menschen „Kultur der Entsorgung“ und „heimliche Euthanasie“. Was müssen die jetzt befürchten? Wer verklagt sie?

Liebe Frau Lenzen,

dass die beiden Päpste wegen drastischer Wortwahl ins Fegefeuer kommen, ist nicht zu erwarten. Warum auch? Sie beschreiben schlimme Zustände und setzen sich dafür ein, diese Zustände zu verbessern.

Ganz grundsätzlich: Sprache ist Macht. Sprache bestimmt das Bewusstsein. Sprache beeinflusst das Denken. Aus dem Bewusstsein, aus dem Denken, entstehen Taten. Und auf Unwörter folgen manchmal Untaten.

Der Nazi-Jargon ist ein Paradebeispiel für manipulative Sprache. Unfassbar, was sich bei Goebbels Sportpalast-Rede am 18. Februar 1943 ereignete: „Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“ Die Reaktion des Publikums hat sich ins Gedächtnis eingebrannt: Ein Mann springt auf, klatscht, schreit begeistert, ein zweiter erhebt sich, ein dritter, rasch tobt der ganze Saal. Kollektiver Jubel. Kollektiver Wahn. Der Herdentrieb, neudeutsch: Social Proof.

Der Philosoph und Sachbuchautor Rolf Dobelli („Die Kunst des klaren Denkens“) erklärt das Phänomen so: Einzeln und anonym befragt, hätte wohl niemand Hitlers Chef-Agitator zugestimmt. Der Gruppendruck jedoch verbiegt den gesunden Menschenverstand.

Warum ticken wir so? Warum glauben wir, dass wir uns richtig verhalten, wenn wir uns so wie die anderen verhalten? Weil sich das in der Evolution als Überlebensstrategie erwiesen hat. „Angenommen“, schreibt Dobelli, „Sie sind vor 50.000 Jahren mit Ihren Jäger-und-Sammler-Freunden in der Serengeti unterwegs, und plötzlich rennen Ihre Kumpels davon. Was tun Sie? Bleiben Sie stehen, kratzen sich die Stirn und überlegen, ob das, was Sie sehen, nun wirklich ein Löwe ist oder nicht vielmehr ein harmloses Tier, das wie ein Löwe aussieht? Nein, Sie spurten Ihren Freunden hinterher, so schnell wie möglich. […] Wer anders gehandelt hat, ist aus dem Genpool verschwunden.“

Der Schluss der Sportpalast-Rede zeigt exemplarisch, dass nicht Wörter oder Sätze an sich „gut“ oder „böse“ sind. Entscheidend: der Kontext, in dem sie verwendet werden, und die Absicht, die dahintersteckt.

„Nun, Volk, steh’ auf, und Sturm, brich’ los!“ brüllte Goebbels und zitierte damit, leicht abgewandelt, aus einem Gedicht, das Theodor Körner 1813 über die Befreiungskriege gegen Napoleon verfasst hatte (O-Ton: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“). Der Publizist Kurt Tucholsky, ein linker Demokrat, benutzte die Lyrik-Zeile 1928 in seiner Zeitungsglosse „Wo kommen die Löcher im Käse her?“.

Derselbe Satz, drei Wirkungen: mal patriotisch (Körner), mal aufwieglerisch (Goebbels), mal satirisch (Tucholsky).

Pegida-Fanatiker, die sich im „Wörterbuch des Unmenschen“ bedienen, um Ausländer zu verunglimpfen, wollen provozieren. Uuuh, Nazi-Sprech! Skandal! Aufmerksamkeit! Die Masche ist leicht zu durchschauen.

Wer wie ein Nazi spricht, setzt sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein. Oder dumm. Oder beides. Die Meinung ist frei, aber nicht alles darf öffentlich gesagt werden. Die Leugnung des Holocausts? Verboten! Aufrufe zu Mord und Gewalt gegen „Fremde“? Volksverhetzung!

Seit jeher haben sich Menschen die Kraft der Sprache zunutze gemacht, um andere zu verführen, zu indoktrinieren, zu verblenden. „Doktor Lügner“, ein Schimpfwort, mit dem Katholiken im 16. Jahrhundert gegen den Reformator Martin Luther polemisierten; der konterte mit Schmähungen wie „Beichthengst“ und „Bauchdiener“ …

Bleiben Sie kritisch! Wenn 40 Millionen Menschen eine Dummheit behaupten, wird sie deswegen nicht zur Wahrheit. (William Somerset Maugham)

Schöne Grüße

Peter Reinhart